Mach dich lose

FAS, 2019

Als einzige deutschsprachige Band hat sie Stil und Lust auf die Gegenwart. Ein Gespräch mit dem Sänger von Bilderbuch, Maurice Ernst, über schöne Wörter, seine Generation und die Romantik von Handys

Im oberösterreichischen Kremsmünster gründete sich 2005 eine Schülerband: Unter dem Namen Bilderbuch vertonten vier Jugendliche, zwischen Hausaufgaben und Skikursen, Märchen. Später zog die Band nach Wien, Mitglieder wechselten, Indierockplatten erschienen. Nett. Bisschen unauffällig. Es war 2013, als Bilderbuch die EP „Feinste Seide“ herausbrachte. Inspiriert von Kanye Wests „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ hatten Maurice Ernst (Gesang), Michael Krammer (Gitarre), Peter Horazdovsky (Bass) und Philipp Scheibl (Schlagzeug) zu einem Opulenz-Pop gefunden, der sich an Funk und Trap bediente, Prince genauso wie Frank Ocean würdigte, was allen außer Musikexpress-Redakteuren egal sein konnte, weil dieser Sound einfach groovte. Spaß machte. Das war smooth, das hatte Glamour, und es ist kein Zufall, dass sich das schwer auf Deutsch beschreiben lässt.

Über drei Alben perfektionierte die Band ihren Überfluss-Pop, besang Ernst das Gegenwartszuviel aus Softdrinks, Handyladegeräten und der ständigen Sichtbarkeit des Onlinestatus in Chatdiensten. Mit dem Durchbruchalbum „Schick Schock“ begann die Party, auf „Magic Life“ glitzerte die Nacht, aber sie tat langsam auch ein bisschen in den Augen weh, und „mea culpa“ zerbrach die Hoffnung, dass diese Nacht nicht allein zu Ende geht. Spätestens da war Maurice Ernst der eine Mensch, der im Frühstücksfernsehen Kaugummis auf eine Torwand hätte spucken können, und man hätte sich nicht geschämt.

Montag in Kreuzberg, elf Uhr, der Morgen nach dem Superbowl. Ernst würde ein paar Interviews für das neue Bilderbuch-Album „Vernissage My Heart“ geben. In seinem Zimmer im Hotel „Orania“ schob er die Schiebetür zwischen Schlaf- und Wohnbereich zu und schenkte Mineralwasser ein. Ach ja, er sah sehr gut aus.

Was haben Sie heute Morgen gemacht?

MAURICE ERNST: Mein Manager hat mir ein Bauerngröstl rausgebraten, also Kartoffeln, Ei, Speck. Währenddessen habe ich mir die Superbowl-Halbzeitshow reingezogen und mich darüber lustig gemacht, wie es so schön ist. Relativ unspektakulär.

Kein Aufschreiben von Träumen, kein Notieren erster Songskizzen für den Tag, solange der Kopf noch frei ist, oder ein ähnlicher Künstlermythos?

Jein. Daheim in Wien gibt es schon Phasen, in denen man möglichst viel Musik machen und Output generieren will. Da stehst halt auf und setzt dich mit deinem Kaffee in dein Ministudio vor Mikrofon und Laptop und machst. Oder du spielst am Klavier vor dich hin. Es gibt sicher Leute, die jeden Tag eine Seite schreiben, aber so funktioniert es bei mir nicht. Ich nehme das Mikrofon in die Hand, höre Demos, und hoffentlich touched mich etwas so sehr, dass ich einfach singe. Im besten Fall habe ich dann schon dreißig bis vierzig Prozent vom Text. Von lautmalerischen Melodien über Worte, die ich schon länger singen wollte, taste ich mich vor. Manche Songtexte habe ich nie geschrieben, nur gesungen. Wenn das passiert, ist es genial, weil dann bist du so nah an der eigentlichen Idee von Performance, von Musizieren und Singen. Den Text kann man danach kontrollieren.

Wie geht das?

Ich versuche, mein Hirn auszuschalten und auf das Gefühl zu vertrauen, dass ich ein korrekter Typ bin. Das heißt, was aus mir rauskommt, wird schon okay sein. Das ist das Grundvertrauen. Und dann, wenn der Text daliegt, schaue ich ihn an und korrigiere mehr oder weniger.

Mehr als viele andere nutzen Sie Gesang wie ein Instrument. Ein Text muss nicht nur gut sein, auch gut klingen. Gibt es bestimmte Wortklänge, die Sie mögen?

Ja, ganz sicher, und das verändert sich von Jahr zu Jahr. Man findet immer neue Wörter, die man interessant findet oder überhaupt singen kann. Das ist wie Mode. Wenn du vor drei Jahren eine Hose getragen hast und heute denkst: Oh Gott, wie habe ich das nur anziehen können? Ein Klang, der mich oft anspricht, ist das „R“, weil man es „Rrrr“ (spricht es Amerikanisch) singen kann. Das sind so Spielereien. Oder Grammatik. Ich war nie ein guter Schüler und habe ein Problem gehabt mit Handwerk, weil mir die Geduld gefehlt hat. Deswegen ist es spannend, sich bewusst darüber zu stellen. Oder Wortkreationen, die Sprache zu strecken oder sie in andere Sprachen reinzuziehen. Sie lose machen.

Führen Sie eine Wörterliste?

Wörter, die mich ansprechen und anfunkeln wie Diamanten, haue ich in eine Schatulle rein. Aus denen wird vielleicht mal was. Irgendwann nehme ich sie raus und lege sie zusammen und weiß: Das wollte ich schon immer mal singen. Oder um das Wort herum eine Geschichte erzählen. Deshalb heißen viele Songs von uns auch wie ein Wort.

Oder wie ein Satz. „Mein Herz bricht auf der Suche nach Liebe“ hätten Sie noch vor zwei, drei Jahren nicht gesungen, oder?

Es gibt ja zwei Arten von Wörtern, die Greifbaren und die Geistigen. Was sich nicht angreifen lässt, hat mich nie so gereizt. Deshalb hat es lange gebraucht, „Liebe“ frei zu singen. Das war mir zu wenig konkret. Langsam, da ich ein bisserl älter werde, traue mich über ein Wort wie „Liebe“ drüber. Okay, habe ich mir gesagt, ich kann das jetzt interpretieren oder umreißen.

Sie sind überhaupt ein bisschen weg vom Dadaistischen, Verspielten und trauen sich mehr Pathos.

Ja, stimmt. Irgendwann habe ich gecheckt, wenn es funktionieren sollte, müsste es klingen wie Trio (NDW-Band, „Da da da“). Diese unglaubliche Einfachheit und die Naivität haben einen eigenen Drive und eine Glaubwürdigkeit. Das wollte ich probieren. Und pathetisch war ich schon immer a bisserl. Ich erkläre es mir so, dass die Jahre auf der Klosterschule und das Katholische in mir drin sind und es mir deshalb Spaß macht, große Wörter zu verwursteln. Alte Wörter in einen Kontext zu setzen, wo etwas Neues passiert. Das Dadamäßige ist uns oft in die Schuhe geschoben worden, weil ein paar große Wörter oder Zeilen, dadaistisch wirken, wenn man sie alleine stehen lässt, und auch dada sind. Aber das Große und Ganze in Bilderbuch ist gar nicht so dada. Eigentlich ist Bilderbuch relativ inhaltlich.

Auf jeden Fall Ihr neues Album. Mit dem machen Sie den Versuch, allen Ernstes im gesellschaftlichen Diskurs politisch etwas zu sagen. „Vernissage My Heart“ endet mit einer neunminütigen Europahymne.

Die Frage liegt schon lange in uns drin: Wie kann man sich an politischen Songs probieren, ohne dass sie peinlich sind? Zu klar. Wir haben diese Meinung, und das ist unsere Conclusio. Wenn du keine Punkband bist, wie machst du es? Mit „Europa 22“ hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, es funktioniert. Ich hatte eine Version davon, die klang noch mehr nach Live Aid, viel Riddim, extremer Chor. Irgendwie geil. Irgendwie drüber. Wir haben das runtergebracht, und jetzt ist es trotzdem groß, und es ist Hoffnung und positiv. Ein Song, um die Vorteile unserer Gesellschaft a bisserl bewusster zu erleben.

Ist es eher Hoffnung spüren oder sich zur Hoffnung zwingen?

Natürlich schwingt da Melancholie mit. Ich bin gerade dreißig geworden, und ich lebe in so einem Wonderland. Ich will, dass die Leute das checken. Denn Doppelmoral haben wir schon eine gescheite in unserer Generation. Bei uns ist alles immer theoretisch, furchtbar theoretisch. Das einzige, was nicht theoretisch ist, sind vielleicht Marken und das Leben zu genießen im Moment. Immer Highlife. Das Yolo-Ding ist schon sehr, sehr groß. Viele Leute haben gute Ideen, aber Angst, etwas umzusetzen, das nicht materialistisch ist. Diese Diskrepanz zwischen wollen und nicht tun. Ich find’s ja auch nicht leicht und frage mich dauernd: Bin ich politisch, kann ich Verantwortung übernehmen? Ich glaube, das kann man nur im Privaten. Als Künstler kannst du deine Sachen machen, und dann ist es vorbei. Ein Künstler sein, ist eh schon ein ganzes Leben.

Sie sprechen von „Generation“ und „Wir“. Auf „Vernissage My Heart“…

Das ist so eine Wir-Platte.

Anders als frühere Bilderbuch-Alben.

Früher war viel mehr ich. Ich, ich, ich. Das Suchen nach einer Lösung in der Liebe für sich oder für eine andere Person. Da gibt es kein Wir, nur das Private. „Vernissage My Heart“ ist wirklich eine hippieske Platte. Das Vorhaben, einen utopischen Entwurf zu machen. Wie es Funk-Bands aus den Siebzigern gesagt haben: Wenn alles auf der Welt Scheiße ist, hilft es nur, nach oben zu schauen und die Liebe aus dem All zu holen. Oder gleich auf einen anderen Planeten auszubrechen. Das hat mich immer schon gereizt, diese Art von Eskapismus.

Sie sind dreißig, die Hälfte Ihres Lebens bei Bilderbuch. Wie oft haben Sie Sorge, dass die Lust, auch das Stilgefühl nachlassen?

Es ist nur realistisch, dass man irgendwann leer ist. Oder sich vor sich selbst ekelt und denkt: Ich kann mich nicht mehr hören. Immer derselbe Schaas. Das Gute an Bilderbuch im Moment ist, dass der größte Reiz zum Weitermachen darin liegt, uns selbst zu überraschen. Eigentlich sind wir viel zu egoistisch, um Pop zu machen, zu anti. Und wir können noch viel avantgardistischer werden, wenn wir Pech haben oder das wollen. Aber wir können auch auf einmal ein Stadion spielen. Das kann ich selber nicht einschätzen, und deshalb möchte ich weitermachen.

Wollen Sie im Stadion spielen?

Ich glaube schon. Rein aus Prinzip. Um gewissen Leuten zu zeigen, dass wir die beste Band sind, die diese Generation erleben kann. Das ist natürlich arrogant, das ist natürlich hochgestochen. Aber hey. Ich blicke auf meinen Gitarristen, Mike (Michael Krammer), und denke: Wenn wir kein Stadion spielen, wer soll dann ein Stadion spielen? Welche Energie in dieser Band ist und wie sie mich noch immer emotional aufreibt.

Obwohl Sie mehr als früher beanspruchen, für eine Generation zu sprechen, und Ihr Sound durchs Nennen von Apps und Marken und dem Bedienen aus unterschiedlichsten Genres total gegenwärtig ist, nutzen Sie soziale Medien relativ wenig. Warum?

Ein guter Künstler muss erst mal gut im Beobachten sein, glaube ich. Mir macht es Spaß, im Text Apps und so weiter aufzugreifen, weil das so präsent ist. Oder die Zeile: „Heute ist ihr Display so schwarz/So schwarz wie ihr Haar“. Jeder kennt dieses Schwarz. Das ist ein neues Schwarz, das gibt’s erst seit ein paar Jahren. Alle verstehen das Gefühl, das dieses Schwarz auslöst. Man müsste also die Rosen und das Wetter, den ganzen Naturalismus, austauschen und sagen: Das ist das Schwarz. Nicht mehr der Blick gen Himmel bedeutet viel, sondern der auf dieses Display. Was darauf ist und sich darin spiegelt, da ist Romantik zuhause.