Ein kleiner Deutschrap-Mythos

FAS, 2018

Die beiden erfolgreichen Rapper Casper und Marteria haben ihr erstes gemeinsames Album gemacht und sprechen über den Reiz, in kleinen Clubs zu spielen, die Zweifel an ihren Stimmen und darüber, wie man im Hiphop würdevoll altert

Wann ist das passiert, dass aus der erfolgreichen, aber Eltern erschreckenden Subkultur Hiphop die Massenmusik Deutschrap wurde? So vor zehn Jahren. Da veröffentlichte der Seeed-Sänger Peter Fox „Stadtaffe“. Das war vielen Rap-Fans noch zu wenig Rap und zu viel Dancehall, Orchester, Rumgesinge, doch 1,3 Millionen verkaufte Alben bewiesen, dass diesen poppigen Rap sehr viele Leute hören wollten, heimlich auch einige Rap-Fans. Es war dann Marteria, der mit „Zum Glück in die Zukunft“ 2010 die Grenze vom Rap in den Pop übertrat, und Casper, der sie ein Jahr später mit „XOXO“ auflöste. Von da an ging alles, deutscher Rap in Radio, Charts und Stadien. Marterias und Caspers Karrieren verliefen nicht nur ganz ähnlich erfolgreich, sie kennen einander auch schon ihr halbes Leben, seit sie sich 2000 bei einer Hiphop-Party trafen. Beide wuchsen eher in der Provinz auf, Marteria als Marten Laciny in Rostock, Casper als Benjamin Griffey, Sohn eines amerikanischen GIs, erst in Georgia, später im westfälischen Nirgendwo Extertal, beide sind Scheidungskinder. Nun haben sie zusammen ein Album aufgenommen, benannt nach ihrem Geburtsjahr 1982.

Als Solokünstler haben Sie Nummer-eins-Alben veröffentlicht. Sollten Sie mit „1982″ auf Tour gehen, könnten Sie sich aussuchen, in welchen Arenen Sie spielen. Machen diese Wahnsinnskarrieren manchmal ein bisschen wehmütig?

CASPER: Inwiefern?

Weil Auftritte in kleinen Clubs eine Romantik und ein Zugehörigkeitsgefühl schaffen, die in Stadien selten entstehen. Weil in Ihrer Jugend Rap Musik war, um zu rebellieren, und sie heute jeder hört. Weil damals alles möglich war und Sie heute alles erreicht haben.

CASPER: Ja, das hab’ ich schon. Das Krasse ist, wie groß die Euphorie vor der ersten Hallentour war und wie schnell dann alles normal wurde. Früher ist man in die kleinen Clubs rein, hat selbst aufgebaut, danach dort abgehangen und Leute kennengelernt. Jeden zweiten Abend bin ich auf einer obskuren WG-Party gelandet. Das passiert nicht mehr, weil ich so weit weg bin von den Leuten vor der Bühne. Da denke ich schon oft zurück an das Gefühl von früher. Vor ein paar Jahren habe ich deshalb angefangen, vor der großen Tour Shows in kleinen Clubs zu spielen.

MARTERIA: Das mache ich auch. Aber mir geht es ein bisschen anders. Ich habe immer gern in Clubs gespielt, alle packen die Handys weg, 500 Leute rasten aus. Bei meinen letzten Auftritten kam das nicht mehr so rüber. Auf einmal sah man auch überall Handys, alle machen Fotos für ihre Cliquen. Nicht anders als bei großen Konzerten. Ich bin aber auch ein Stadionfan. Ich mag das, geiles Licht und guten Klang. Klar, manchmal schaut man aufs Programm und sieht, wer morgen auftritt, irgendein Zauberer . . .

CASPER: Ja! Hans Klok!

MARTERIA: Oder die Ehrlich Brothers. Aber wenn ein gutes Konzert in einer guten Halle ist, kann das genau dasselbe Gefühl erzeugen wie in einem Club. Ganz oft gibt es kleine Läden, in denen du nach drei Liedern tot bist, weil du keine Luft kriegst, die Klimaanlage ausfällt und siebzig Leute umkippen.

Vor so einem Club haben Sie sich kennengelernt, oder?

CASPER: Wir haben uns kennengelernt, weil Marten beim Bund war. Anfang der nuller Jahre war das.

MARTERIA: 2000, ja. Zehn Monate Grundwehrdienst. Nur weil ich „Full Metal Jacket“ geguckt hatte. Morgens um sieben zur Musterung gegangen: „Ich würde gern nach Afghanistan, Fallschirmjäger werden.“ Alles klar, du bist Kiffer, du kommst nach Munster.

CASPER: Das war in der Nähe von Hannover, und dort hatte ich Kumpels, die eine Rapcrew hatten. Besoffen in der „Faust“, das ist so ein kleiner Club in Hannover, habe ich Marten meine Demo-CD gegeben, und wir haben noch wie Trottel zusammen gerappt. Von da an haben wir uns bei Hiphop-Partys gesehen.

MARTERIA: Für einen Auftritt gab’s hundert Euro und einen Kasten Bier.

CASPER: Den Hunni gab’s nie.

Marteria, Sie haben eine Fußballer- und eine Modelkarriere aufgegeben, um Rapper zu werden, weil „alles andere zu eng war. Würden Sie heute als Teenager wieder Rap machen?

MARTERIA: Ja. Die Konstante in all dem Wahnsinn, den ich gemacht habe und in dem ich auch gescheitert bin, war immer Hiphop. Wir sind so lang umsonst aufgetreten und haben es einfach gemacht, als alle noch sagten, Hiphop sei das falsche Pferd.

CASPER: Hiphop war auch immer mein Grundrauschen, aber wenn ich jetzt 16 wäre, weiß ich nicht, ob ich mich noch mal für Rap entscheiden würde.

Warum?

CASPER: Damals, als ich mich entschieden habe, wo ich hingehören will, war Rap anti. Als ich 14 war, haben Jugendliche auch noch viel schlechter Englisch gesprochen. Dank Netflix reden mittlerweile ja alle wie Muttersprachler. Es war einfach geil, anti zu sein und Rap auf dem Walkman zu hören. Jetzt, da Hiphop die größte Jugendkultur der Welt ist, würde ich einen Kopfsprung machen in was Radikales.

MARTERIA: Reggae.

CASPER: Hardcore-Punk. Der ist ja quasi tot. Das fand ich früher auch an Rap so gut. Wenn Eastern Conference nach Hamburg kam, sind wir hingefahren, und da waren zwanzig Leute. Zwanzig Leute! Man konnte sich so schön jugendlich radikal fühlen. Hört ihr anderen mal eure Scheiße.

Eine gemeinsame Platte von Ihnen ist ein kleiner Deutschrap-Mythos. Wer hat denn den anderen angerufen und gesagt: Wir machen das jetzt?

CASPER: Es gab nicht den Tag, als der eine mit dem Aktenkoffer beim anderen vorgefahren ist und wir uns die Hand darauf gegeben haben. Wir haben immer wieder darüber geredet, wenn wir uns gesehen haben. Dann waren wir bei einem Songwriting-Camp und hatten direkt am ersten Tag Ideen. Albumname, Albumcover. Das machen wir.

MARTERIA: Vor eineinhalb Jahren habe ich ihn schon mal mit dem Auto abgeholt, wir haben uns in die Rummelsburger Bucht gestellt und einander Beats vorgespielt. Da wusste ich, dass ich nach meiner aufwendigen Platte eine Marteria-Pause machen wollte und ein Kollabo-Album, am liebsten mit Casper.

Anders als bei den Soloalben haben Sie „1982“ in wenigen Wochen aufgenommen. Warum ging es so schnell?

CASPER: Mir war wichtig, dass es eine leichte Platte wird.

Leichte Platte klingt ja zu Unrecht so negativ.

CASPER: Voll. Meine Platte letztes Jahr war so kleinteilig zerdacht, da gab’s keine Flüsterspur, die nicht mindestens eine Fünffachdeutung hatte. Nach acht Jahren Jugend-forscht-Folkmusik-Avantgardismus hatte ich einfach mal wieder Bock, Beats zu nehmen und geil darauf zu rappen.

MARTERIA: Wenn Songs zu lange liegen, verlieren sie oft ihre Magie. Ein Gefühl in einem bestimmten Moment auf den Punkt zu bringen, hat etwas unfassbar Tolles. Viele Songs haben wir in einem Durchgang eingerappt. Rein ins Studio, bumm!, das Ding ist fertig. Das hat eine Energie, die ich auch auf vielen Alben höre, die ich mag. Mike Skinner . . .

CASPER: Wie er neben dem Beat rappt und es später wieder einfängt.

MARTERIA: Das hat so ein Grinsen. Kein aufgesetztes Namika-Grinsen, sondern ein Mir-ist-gerade-die-Kippe-runtergefallen-Grinsen. Mega.

Sie haben beide sehr ungewöhnliche Stimmen. Casper, beneiden Sie manchmal Marteria um diese warme Tiefe?

CASPER: Darüber haben wir tatsächlich viel geredet. Ich finde meine Stimme Horror. Das Einzige, was ich an ihr mag, ist, dass sofort klar ist, dass ich das bin. Aber wenn zum Beispiel ein Song von mir im Club kommt, laut über die Boxen, das hat eine Frequenz, die gehört da einfach nicht hin. Dann muss ich raus.

MARTERIA: Am besten sind so Familienfeiern oder Feste von Freunden. Wenn du reinkommst und dein Song läuft. Oder wenn ich mit meinem Sohn auf den Fußballplatz gehe und direkt „Lila Wolken“ kommt.

CASPER: Das ist das Schlimmste. Aber die meinen es lieb.

MARTERIA: Sie meinen es lieb.

CASPER: Jedenfalls wenn Marten seine Stimme macht, die ganz tiefe, das hat eine Frequenz, die streichelt mir das Gehirn.

MARTERIA: Na ja, ich finde das eher unangenehm. Man selbst empfindet das ja nicht so. Man redet halt normal, wie eben nach dem Stimmbruch die Stimme ist. Am Anfang hatte ich damit sogar ein Problem. Ich habe mir die guten, erfolgreichen Rapper angehört, Eminem, Sido. Alles hohe Stimmen. Eine Frequenz, die ballert. Lange dachte ich: „Mann, das kann mit der Stimme nicht funktionieren.“ Dann habe ich es mit zwei, drei Liedern hinbekommen, gute Geschichten zu erzählen, eher übers Storytelling zu kommen. „Amys Weinhaus“ oder „Verstrahlt“, da war eine leichte Melodie drin, die ich singen konnte, ohne etwas zu simulieren. Es hat gedauert, bis ich das Selbstvertrauen hatte.

Marteria, was für einen Song würden Sie machen, wenn Sie Caspers energetische Kreischstimme ausleihen könnten?

MARTERIA: Einen dollen Trap-Song mit lauten, verrückten Gitarren im Refrain. Ich würde mich richtig auskotzen, ein Disstrack. Gegen alle.

Sie werden dieses Jahr 36. Welcher Rapper altert einigermaßen würdevoll?

CASPER: Jay Z. Für fast fünfzig hat er auf jeden Fall noch Stil.

MARTERIA: Den haben wir neulich im Olympiastadion gesehen. Boah.

Das war doch so traurig, wie er allein auf diesem Laufband in die Menge gefahren ist, und niemand hat geklatscht.

MARTERIA: Nee!

CASPER: Ich fand das schon krass. Klar glaube ich, dass er fremdgegangen ist, und irgendwann haben sie beschlossen, daraus eine Kampagne zu machen. Schlau. Aber dadurch, dass man die Geschichte kennt, war das ganze Stadion für sie. Wenn er neben ihr stand, war er immer der Typ, der die Königin betrogen hat. Solo war er der King.

MARTERIA: Da haben wir ganz unterschiedliche Meinungen. Ich fand seinen Auftritt Wahnsinn. An Beyoncé nervt mich dieses Affektierte, Durchperfektionierte. Jay Z hat als einziger Weltstar so einen Bezug zu den Leuten, eine Menschlichkeit. Das Fremdgehen ist ja auch eine Menschlichkeit. Und es ist natürlich supergeil, Beyoncé zu betrügen, wenn man mit ihr zusammen ist.

CASPER: Das drucken wir nicht ab! Betrügen ist nicht geil!

MARTERIA: Menschen betrügen Menschen. Das ist ein Fakt. Und ein Fehler. Deshalb waren ja fünfundachtzig Prozent im Stadion für Beyoncé. Aber wir waren ja auch komplett unterschiedlicher Meinung, als sie am Ende „Forever Young“ gespielt haben. Ich fand es Horror, du fandst es richtig krass. Ostdeutsches Herz und amerikanisches Herz. „Forever Young“, das feiert der dumme Ossi nicht.

CASPER: Riesengeste.

Was haben Sie gemacht, wenn Sie im Studio unterschiedlicher Meinung waren?

MARTERIA: Es gefeiert. Ich finde das schön. Wir sind unterschiedliche Charaktere, die einander ergänzen.