Meine Cousine ist 15, dagegen bin ich ein alter Mann

FAS, 2019

Ein Porträt von Mara (und auch von mir)

Meine Cousine zog die Plastikplane zur Seite, und dann standen wir im Gartenhaus. Umlaufende Holzbänke, gasbetriebene Heizstrahler. In ihrem Flackern glänzte auf dem Tisch eine Thermoskanne mit Glühwein. Meine Cousine umarmte ihre Freunde und nahm aus dem Rucksack die Schläuche einer Shisha. Sie trug Doc Martens, Levi’s und einen Justin-Bieber-Hoodie. Regen regnete aufs Dach, ein Tropfen war durchs Holz geweicht und fiel mir in den Nacken. Ich war ein bisschen aufgeregt, ob ich Teil ihrer Gang würde. Der Gang von Luka, Luisa, Janina, Andi, Magdalena, Franzi und meiner Cousine Mara, fünfzehn.

Manchmal fühle ich mich sehr alt. Was trägt man, was hört man, und wie geht im Moment das richtige Wort für „cool“? Sechsundzwanzig ist ein seltsames Alter, erwachsen, aber null Verantwortung. Man gehört noch zu den sogenannten jungen Leuten, für die jungen Leute ist man aber längst uralt. Sie siezen einen, halten Haftbefehl für Oldschool-Rap und sagen zu ungefähr allem, was ich gut finde: „Das ist so 2016.“ Glaube ich. Streng genommen ist meine Cousine der einzige Teenager, den ich kenne.

Über Jugend reden gerade alle. Über „Fridays for Future“, Greta Thunberg. In Abgrenzung zu den Babyboomern oder den sogenannten alten weißen Männern. Was Jugend aber sein soll außer ein noch nicht ganz zurechnungsfähiges Alter, das sagt einem dummerweise mal wieder keiner. Die Idee war deshalb die: Ein paar Tage mit meiner fünfzehnjährigen Cousine rumhängen und missmarpleartig ihre Teenagerwelt auskundschaften.

Wir verabredeten uns in München für unsere Weihnachtseinkäufe, eine Stunde von dem Dorf im Allgäu entfernt, wo sie mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder wohnt. Als sich unsere Blicke in der Fußgängerzone trafen, erkannte ich sie nicht gleich. Sie war natürlich älter geworden und irgendwie auch breiter, später zeigte sie mir Fitness-Instagramerinnen und erzählte von Trainings- und Ernährungsplänen.

Hey, wie geht’s, gut, ja. Ich hatte ein wenig Sorge wegen Awkward-Level 3000. Wie seltsam kam meiner Cousine die Situation vor, wie seltsam war ich, ein älterer Cousin, der mit ihr über ihr Leben reden wollte? Erwachsene waren für Teenager doch generell verdächtige Subjekte, die mit Trotzblick auf Abstand gehalten wurden. So dachte ich, und sofort kam alles anders. Ich hatte keine ernsthafte Frage gestellt, und meine Cousine redete los, über eine Freundin, mit der sie nach München gefahren war, über ihre beste Freundin, mit der sie momentan Streit hatte, und über ihren Freund, der seit Kurzem nicht mehr ihr Freund war und vielleicht auch nie ihr Freund gewesen ist. „Wir haben nie darüber geredet, was das ist, eine Beziehung oder so. Aber mir ist auch nicht wichtig, ob man zusammen ist, ich will bloß Zeit mit der Person verbringen. Traurig bin ich trotzdem.“

Okay, dachte ich. Okay, das sagt man mit fünfzehn? Beziehungen ohne das Label Beziehung kannte ich von mir und meinen Freunden. Meine Cousine sagte: „Ich habe ihm einen Brief geschrieben, weil ich Sachen besser schreiben kann als sagen.“ In dem Moment verstand ich, warum ältere Menschen manchmal feuchte Augen bekamen. Mara bahnte sich ihren Weg durchs Gedränge, eine kleine mobile Einheit.

Wir gingen zu Douglas, und später aßen wir in einem italienischen Restaurant, ich Pizza, sie Pasta mit Tomaten und Rucola. Meine Cousine ist Vegetarierin, lebt immer mal wieder vegan. „Ich will nicht, dass Lebewesen für mich leiden müssen, und inzwischen mag ich Fleisch einfach nicht mehr.“ Vegetarische Rezepte findet sie auf Pinterest, aber zurzeit ernährt sie sich hauptsächlich von Dinkelflocken und dem isländischen Milchprodukt Skyr. Daheim wiegt sie alle Lebensmittel ab und rechnet das Gewicht mit einer App in Kalorien um. Drei, vier Mal die Woche geht sie ins Fitnessstudio, sie sagt Gym. Das Hintergrundbild ihres iPhones zeigt das niederländische Fitnessmodel Guusje van Geel, das für mich aussieht wie eine Mischung aus Bodybuilderin und Pornostar: sehr blond, Sixpack, Minitaille und Riesenpo. Beim Training trägt meine Cousine die arschengen Sportleggins, für die van Geel auf Instagram wirbt.

Auf der Heimfahrt bat ich sie, mir Lieder zu zeigen, und wir hörten Apache 207, Loredana und ähnliches Autotunegeschepper. „Manche Texte sind schon hohl. Aber man muss halt den Vibe haben und es fühlen.“ Ich mochte, wie sie sprach. Die Autos in München fand ich prollig und sie zum Flexen, wo ich krass sagte, sagte sie heftig, und was ich für cool hielt, war für sie nice oder göttlich.

Je länger wir redeten, umso mehr kam mir das Gespräch vor wie ein Chatverlauf. Am Anfang kommuniziert jeder auf seine Art, mit oder ohne Emojis und Satzzeichen, in GIFs oder ganzen Sätzen, und mit jeder Nachricht gleicht man sich weiter an, findet intuitiv eine gemeinsame Sprache. Bald vergaß ich, dass neben mir eine Fünfzehnjährige saß. Mara benutzte Wörter wie Resilienz, die sie aus Psychologiebüchern kannte – Drogen fand sie nicht so spannend, eine Sache für Leute mit geringem Selbstwertgefühl. So wie ich keine Ahnung von Snapchat hatte, der App, die sie am meisten nutzte, so verstand sie Tiktok nicht mehr, das neue Ding. „Das ist übel affig, Tiktok haben nur Zwölfjährige.“ Ich lachte und fühlte mich ungefähr wie ein Vorgesetzter mit Halbglatze, der merkt, dass jetzt auch seinem Mitarbeiter die Haare ausgehen. Whatsapp nutzte Mara bloß für ihre Eltern und andere Erwachsene, denen sie antworten musste.

„Ich finde gar nicht so seltsam, dass du mich so viel fragst“, sagte Mara. „Du vergleichst dich mit mir und fragst dich, ob du noch jung bist. Ich sehe dein Leben und was man mit Mitte zwanzig gemacht haben kann oder auch noch nicht gemacht haben muss. Früher dachte ich immer, in deinem Alter habe ich studiert, einen Job, einen Freund. Inzwischen finde ich es eher befreiend zu sehen, wie du umziehst, überlegst, noch mal zu studieren und so weiter. Man muss noch nicht alles geregelt haben. Hat man vielleicht nie.“ Im Prinzip unterschieden sich unsere Lebensphasen auch nicht so sehr. Sie fragte sich, was nach dem Abi kam, ich fragte mich, wie es nach den ersten Spaßjahren im Job weitergehen sollte. Das Gefühl, dass bald das Erwachsenenleben beginnt, was auch immer das ist. Aber sicher noch nicht jetzt.

Wenn meine Cousine redete, kam es mir so vor, als interessierten all die angeblichen Generationenkonflikte sowieso bloß Generationenforscherinnen und Herausgeber von Jugendstudien. Im Zimmer meiner Cousine hingen Fotos ihres jüngeren Bruders neben Selfies von ihr mit älteren Freunden. Mit ihrer Mutter tauschte sie Klamotten, die beiden gingen zusammen auf Konzerte, und meine Cousine sagte, sie könne mit ihr reden wie mit einer guten Freundin. Als ich sie fragte, ob ich, ihr älterer Cousin, sie ein paar Tage begleiten durfte, sagte Mara, ohne eine Frage zu stellen, ja.

Teil ihrer Gang wurde ich nicht. Im Gartenhaus rauchten wir Shisha und tranken Glühwein, also sie rauchten und tranken, und ich schaute zu. Am Anfang machten sie Witze über meinen Bericht. Die Shisha war aus inkompatiblen Teilen mehrerer Wasserpfeifen zusammengesteckt, mit Klebeband umwickelt sah sie aus wie ein misshandelter Teddybär. „Schreib rein, Jugendliche sind verzweifelt und brauchen Geld für Shisha“, sagte Luka. Unbedingt erwähnen sollte ich auch einen schwarz-weißen Markierungspfosten, den jemand vom Straßenrand weggetreten hatte und der jetzt, umgedreht, als Trinkgefäß namens Pinguin diente.

Bald aber vergaßen sie mich. Es ging jetzt um Mitschüler und Saufgeschichten, um gute Osteopathen und den richtigen Waschgang für Daunenjacken. Eine sagte, dass sie auf keinen Fall mit ihrer Mutter Silvester feiern wollte. „Die ist betrunken so anstrengend.“ Sofort Unterstützung der anderen: „Alter, das ist bei meinem Vater auch so schlimm.“

Ich war kein Fremdkörper in ihrer Runde. Ich hatte gar keinen Körper. Nichtexistent. Niemand interessierte sich für mich, und je später der Abend wurde, umso weniger interessierten mich auch ihre Geschichten, Variationen von zu viel Alkohol und Ausprobierdrang, die ihnen und in keine Zeitung gehörten. Ich war dankbar, dass mir meine Cousine ein bisschen was von ihrer Welt zeigte und auch, dass ich nicht mehr in sie gehörte.

Um halb eins fragte ich, ob wir bald gingen, und sie stand sofort auf. Im Auto war sie etwas angetrunken und verwechselte links und rechts. Wir fuhren über die leere Landstraße, und ich dachte darüber nach, was das sein sollte, Jugend. War jung, wer sich noch nicht fragte, ob er jung war? Und Jugend die Lizenz, ein bisschen Unsinn zu machen, bevor die superbedeutungsvollen Aufgaben des Lebens begannen?

Als ich am nächsten Morgen um halb elf in die Küche kam, spritzte meine Cousine Zuckerguss auf die veganen Lebkuchen, die sie gebacken hatte. Früher am Morgen war sie joggen gewesen.