Der nächste Kick

FAS, 2015

Eine junge Frau aus einer hessischen Kleinstadt schlägt sich in die Weltspitze des Käfigkampfes. Dann verliert sie die entscheidenden Duelle. Nach zwei Jahren Pause hat sie nun wieder einen internationalen Auftritt.

Das Unheil kam in kurzen Hosen. Es währte 128 Sekunden und endete, als ein Ellenbogen wieder und wieder in Sheila Gaffs Gesicht krachte, so lange, bis sie endlich liegen blieb. In der Halle in Rio de Janeiro strich sich ihre Gegnerin die Kampf-Short glatt und reckte die bandagierten Fäuste zur Decke. Mit ihrem Sieg stoppte sie, und wahrscheinlich wusste sie das gar nicht, den Aufstieg eines schüchternen Mädchens aus Aue-Wanfried in den Kreis der besten Kampfsportler der Welt.

Zweieinhalb Jahre später sitzt die Ausgeknockte in einem heißen Raum in Offenbach, in dem es nach Schweiß und Leder riecht. Sechs Tage die Woche trainiert Sheila Gaff hier für ihren nächsten Kampf im September, den ersten nach jener Nacht in Rio. 6.30 Uhr aufstehen, 40 Minuten laufen oder Seil springen, Haferflocken und mal eine Orange zum Frühstück, dann Einzeltraining, Mittagessen, wieder Training, und das seit sechs Monaten.

Sheila Gaff betreibt den als besonders brutal geltenden Kampfsport Mixed Martial Arts (MMA), von dem viele sagen, er sei genau das nicht: ein Sport. Gekämpft wird mit dünnen Handschuhen in einem Käfig, und erlaubt ist ziemlich viel, zum Beispiel einen Gegner zu schlagen, der schon am Boden liegt. Bei MMA wird nicht gerungen oder geboxt oder getreten, es wird gerungen und geboxt und getreten. Eine Art Super-Disziplin mit Techniken aus zahlreichen Stilen von Judo bis Jiu-Jitsu; Fans nennen das die Königsdisziplin des Kampfsports, Kritiker ein Schlachtfest.

Sheila Gaff ist 1,65 Meter groß und ausgebildete Bürokauffrau. Sie wiegt keine 60 Kilogramm und schafft weit mehr als 100 Liegestütze am Stück. Sie hat Höhenangst und sieht in Trainingsmontur aus, als könne sie einen Rockerkrieg allein beenden. Einmal schlug sie eine Gegnerin in acht Sekunden k. o. In ihrem ganzen Leben hat Gaff kaum etwas anderes gemacht als MMA.

Geboren 1986 in Bad Hersfeld, wächst sie im Örtchen Aue in Nordhessen auf, ein Mädchen, das wenig sagt und nicht viele Freunde hat. Sie macht Leichtathletik und spielt Tischtennis, doch richtig packt sie der Sport erst, als ihre Eltern sie mit 14 in eine Trainingshalle in Eschwege mitnehmen, in der sie selbst Karate und den chinesischen Kung-Fu-Stil Wing Chun üben. Gaff wusste es damals nicht, doch Kampfsport war es, der in ihrem Leben fehlte.

Ihr Trainer merkt schnell, dass sie für ein Mädchen außergewöhnlich kräftig ist. Er meldet Sheila zu Turnieren an, und sie gewinnt. Erfolg gebiert Selbstbewusstsein gebiert Erfolg, und plötzlich ist das schüchterne Mädchen nicht mehr ganz so schüchtern, wird es in der Klasse respektiert und ein bisschen bewundert: Der Kampfsport hat Sheila am Haken.

Nach einigen Amateurturnieren tritt sie mit 18 Jahren zum ersten Mal in einem MMA-Profikampf an. Es folgen Wettstreite in Berlin, den Niederlanden, in Russland und Dubai, aus einigen hundert werden mehrere tausend Euro Gage. 2011 zeichnet das Kampfsport-Magazin „GNP 1“ Gaff als Deutschlands Kämpferin des Jahres aus. Im Frühjahr 2013 passiert dann das Beste, das einem im MMA passieren kann: Die Ultimate Fighting Championship (UFC), die populärste und lukrativste Mixed-Martial-Arts-Serie der Welt, nimmt Gaff unter Vertrag, als erste deutsche Frau überhaupt.

Die UFC, gegründet 1993, ist die MMA-Organisation, die ihren Kämpfern von allem am meisten verspricht: Zuschauer und Sponsoren, Ruhm und Geld. Die Amerikanerin Ronda Rousey, die in Deutschland niemand kennt und in den Vereinigten Staaten jeder, verdient im Jahr drei Millionen Dollar nur mit Kampfgagen. In amerikanischen Städten hängen Rousey-Banner von Hochhäusern, sie spielt im neuesten „Fast-and-Furious“-Film mit und ist Stammgast auf dem Cover der „Sports Illustrated“. Von so viel Aufmerksamkeit träumen sie alle, und beim MMA bekommt man die nur in der UFC.

Sheila Gaff bekommt sie nicht lang. Der deutsche Panzer, wie sie amerikanische Kommentatoren nennen, verliert zweimal krachend. Nicht einmal ein halbes Jahr nach der Unterschrift entlässt die UFC Sheila Gaff im Sommer 2013 aus ihrem Vertrag. Keine Zeitschriften-Cover und keine Hochhaus-Banner, stattdessen trainiert Gaff heute in dem sprichwörtlichen Hinterhof-Studio in Offenbach, nur ein Raum mit Matten auf dem Boden, an der Wand hängen zwei wellige Plakate von ihr und ihrem Trainer.

Warum sie ihre Kämpfe in der amerikanischen Profi-Serie so klar verlor? Daran sei vor allem ihr Gewicht schuld gewesen, sagt Gaff. Denn in der UFC gab es damals nur die Bantamklasse bis 61 Kilogramm, zuvor hatte Gaff als leichteres Federgewicht gekämpft. Die Gegnerinnen in der UFC seien einfach zu schwer und zu kräftig gewesen, sagt sie. Inzwischen hat die MMA-Organisation eine Strohgewichtsklasse eingeführt, 52 Kilogramm, darüber will Gaff es nun wieder in die UFC schaffen.

Warum tut sie sich das an? Die Diät, das Training und vor allem die Kämpfe? Sie könnte es einfach bleiben lassen und von den Kursen leben, die sie Kindern in ihrem Studio „Pyranha MMA“ in Offenbach gibt. Als Bürokauffrau arbeiten. Woher hat ein Mädchen aus Aue-Wanfried den Zorn, den ein Kampfsportler braucht, um seine Fäuste hundertmal am Tag in einen Sandsack zu rammen? Wie überwindet sie die Skrupel, einer anderen Frau so lange ins Gesicht zu schlagen, bis sie Ruhe gibt?

Wenn man Sheila Gaff diese Fragen stellt, hat sie keine großen Erklärungen bereit, keine Sprüche, die sich als Zitate rahmen ließen, nur: „Ich weiß nicht“, „Es ist halt so.“ Gaff ist kein Mike Tyson oder Muhammad Ali, bei denen vom Anfang ihres Lebens an klar war, dass sie würden kämpfen müssen. Vielleicht kämpft Sheila Gaff aber auch gerade, weil sie nicht aus Brooklyn kommt, sondern aus einer nordhessischen Kleinstadt. Weil du dort werden kannst wie alle – Mädelsabend, Kegelabend, Lebensabend – oder wie keiner, und wenn du werden willst wie keiner, dann ist Mixed Martial Arts eine gute Wahl.

Der Gewaltforscher Gunter Pilz sieht das ähnlich. Er deutet das Phänomen, dass extremer Kampfsport beliebt ist wie nie, als Antwort auf die Leistungsgesellschaft, in der Emotionen unterdrückt werden, man sich duckt, mit dem Strom schwimmt, funktioniert. Der „Neuen Zürcher Zeitung“ diktierte er mal das schöne Zitat: „Ob man im Survival-Camp Kakerlaken isst, sich im Edelpuff auf den Kopf urinieren lässt oder Kampfsport macht – es geht immer um Regulierung des Triebhaushalts.“

MMA polarisiert und hat es gerade in Deutschland schwer, wo in den vergangenen Jahren immer wieder Veranstaltungen und Fernsehübertragungen verboten wurden. Die UFC braucht deshalb unbedingt Kämpfer wie Sheila Gaff, die nicht dem Klischee des hirnlosen Schlägers entsprechen. Schaut man sich in Deutschlands MMA-Studios um, dann wird man merken, dass sie keine Schulen für Straßenschlachten sind, dort keine Hooligans lernen, wie sie Polizisten verprügeln. Die Hallen sind Treffpunkt für Mittelstandstypen, Lehrer, Ärzte, Studenten. Nicht sie ausschließlich trainieren dort, aber doch auch, zusammen mit ein paar bösen tätowierten Jungs. Fasziniert sie MMA, weil für drei mal fünf Minuten, so lang geht ein Kampf in der Regel, die Gesetze der Zivilisation aufgehoben sind? Falls es sie einmal gab, diese regellose Welt aus selbstgezimmerten Käfigen in Hinterhöfen, mit Wetten auf Free-Fighter, wie die Vorgänger der MMA-Kämpfer hießen, die bei Türstehern beliebter waren als das Setzen auf Kampfhunde: Falls es das alles einmal gab, ist wenig davon geblieben. Nur das miserable Image.

Daran sind große Veranstalter wie die UFC vor allem selbst schuld. In ihren Anfangstagen warb sie mit dem Spruch „There are no rules!“. Tatsächlich gibt es für MMA ein umfangreiches Regelwerk, das neben den erlaubten Schlägen, Hebeltechniken und Würgegriffen auch einiges verbietet: Tritte und Kniestöße auf am Boden liegende Gegner, Tiefschläge, Kopfstöße, Beißen und Kratzen zum Beispiel.

Dass MMA so polarisiert, liegt auch an dem Käfig, in dem gekämpft wird. Der maschendrahtgesäumte Raum sieht aus, als warte er auf zwei Pitbulls, die man einsperren muss, damit sie nur einander und nicht auch noch die Zuschauermenge zerfleischen. Offiziell wurde der Käfig aber eingeführt, damit die Kämpfer nicht zwischen den Seilen aus dem Ring fallen und sich verletzen. Ein Tabu ist der Kampf am Boden, den viele als besonders pervers empfinden. Anhänger von MMA sagen: Wer am Boden liegt, ist lange nicht wehrlos. Tatsächlich gebe es Kämpfer, die sich freiwillig auf die Matte werfen ließen, weil sie dort stärker seien als im Stehen. Frei nach der alten René-Weller-Boxer-Regel: „Wo ich bin, ist oben, falls ich mal unten bin, ist unten oben.“

Wie gefährlich das für die Gesundheit der Kämpfer ist? Kampfsportler und Veranstalter verweisen gerne auf einen Forschungsbericht der John Hopkins University aus Baltimore über die Häufigkeit von Verletzungen bei professionellen MMA-Wettstreiten. In der Studie findet sich der Satz: „Die Verletzungsrate in MMA-Wettkämpfen ist mit anderen Kampfsportarten vergleichbar, die Schlagtechniken beinhalten.“ Zum Beispiel mit Boxen.

Die traditionellen Kampfsportarten haben mit MMA bedrohliche Konkurrenz bekommen. Der Frankfurter Saba Bolaghi, Deutschlands Ringer des Jahres 2011 und Dritter bei der Europameisterschaft, trainiert inzwischen im „MMA Spirit“ an der Hanauer Landstraße. In den Vereinigten Staaten sind die Einschaltquoten vieler UFC-Kämpfe höher als beim Boxen, wo die immer selben Athleten um die immer selben Titel kämpfen. MMA dagegen ist Kampfsport-Punk, und UFC-Veranstaltungen sind so etwas wie die Sex-Pistols-Konzerte der Disziplin.

Doch der deutsche Markt ist bislang Brachland für die größte MMA-Serie der Welt. Das liegt vor allem am Fernsehverbot, das die Bayerische Landeszentrale für neue Medien 2010 für MMA aussprach. Damals untersagten die Medienschützer dem DSF (heute Sport 1) die Ausstrahlung der Kämpfe wegen der „Massivität der gezeigten Gewalt“. Die UFC klagte, und Anfang des Jahres gab das Verwaltungsgericht München der amerikanischen Organisation recht. Seit einigen Wochen sind Mixed-Martial-Arts-Kämpfe für deutsche Fernsehzuschauer zugänglich, zunächst aber nur auf Maxdome, der Bezahlsparte der Pro7/Sat.1-Gruppe.

Doch um Mixed Martial Arts in Deutschland zu verbreiten, braucht die UFC deutsche Kämpfer, mit denen sich das Publikum identifizieren kann. Im Juni fand in Berlin zum ersten Mal ein UFC-Titelkampf auf dem europäischen Festland statt, im Frauen-Strohgewicht, Gaffs Gewichtklasse. Eine deutsche Titelanwärterin hätte wohl noch einige Zuschauer mehr in die Halle am Berliner Ostbahnhof gelockt. Die UFC will Sheila Gaff zurück, und Sheila Gaff will zurück in die UFC.

Zwei Jahre hat sie nach ihrer zweiten Niederlage in der größten amerikanischen MMA-Serie in Rio pausiert. Eigentlich waren ein, zwei schnelle Aufbaukämpfe geplant gewesen, danach die sofortige Rückkehr in die UFC. Doch man habe keine geeigneten Gegnerinnen gefunden, Kämpfe seien verschoben worden, sagt Gaffs Trainer. Nun steht aber ein Termin fest. Im September in São Paolo, bei der kleineren MMA-Organisation XFC. Vielleicht reicht ein guter Kampf und die UFC nimmt Gaff wieder unter Vertrag.

Am 18. September, 776 Tage nach Gaffs letztem Kampf, wird ein Kommentator in einer brasilianischen Halle wieder nach dem deutschen Panzer rufen und ein Mädchen aus Offenbach in einen scheinwerferbeleuchteten Käfig steigen.