Einstieg in Geschichten

FAS, 2014

Villen, Bunker, Kliniken: Auf der Suche nach Abenteuer dringt der Urban Explorer in verlassene Gebäude ein – und kann manchmal selbst nicht glauben, was sich in ihnen versteckt.

Am Ende des Waldweges hält Alexander an und holt einen Metallkoffer aus dem Kofferraum. Bevor es losgeht, will er nur noch seinen Begleiter vorstellen, das hatte er auf der Fahrt gesagt, als der Weg schlechter und der Wald dichter wurden. Der Koffer schnappt auf, aus dem großen Koffer nimmt Alexander einen kleinen Koffer und aus dem kleinen Koffer eine polierte Pistole. Er schiebt das Magazin ein, lädt durch, und es knallt ohrenbetäubend. „Das macht garantiert jedem Angst“, sagt er und steckt die Schreckschusspistole zurück in die Kiste.

Alexander, der eigentlich anders heißt, arbeitet als Dachdecker in einer kleinen Stadt im Süden Hessens. Er ist 30 Jahre alt, er trinkt nicht, er raucht nicht, und er sammelt Modellautos. Seine Kollegen sind okay, und zu seinem Chef fällt ihm nur wenig Nettes ein. Manchmal finde er sein Leben zu normal, sagt er über sich selbst.

Es gibt noch einen anderen Alexander. Der zieht freitagabends Tarnjacke, Militärhose und Springerstiefel an. Er packt Taschenlampen, Messer, Nachtsichtgeräte, Erste-Hilfe-Set und die Schreckschusspistole in den Kofferraum. Seiner Freundin nennt er eine Uhrzeit: Wenn er sich bis spätestens dahin nicht bei ihr gemeldet hat, soll sie Krankenhäuser anrufen und nachfragen, ob die etwas von ihm wissen. Dann fährt Alexander ein paar Stunden bevor es dunkel wird, los zu Orten, die er nicht im Navigationsgerät findet. Sein Ziel sind Bunker, Kurkliniken, Villen, Klöster, Fabrikhallen, Kasernen oder Abwasserkanäle. Alles, was verlassen und vergessen wurde.

Sobald es ihm dunkel genug erscheint, streift er das Brusthalfter über, in dem die Pistole steckt, setzt ein Nachtsichtgerät auf und schultert das restliche Gepäck. Er sucht sich einen Weg auf das Gelände oder in das Gebäude, das er erst im Morgengrauen wieder verlassen wird.

Alexander ist Urban Explorer, ein Wort, das er vor drei Jahren selbst noch nicht kannte. Urban Explorer erkunden verlassene oder scheinbar unzugängliche Orte. Sie machen Fotos, schauen sich um, manchmal bleiben sie über Nacht. Das ist alles. Nur: Warum machen sie das? Für die einen ist es ein Sport, für die nächsten Hobbyforschung. Viele suchen nach Freiheit und einem anderen Leben, das nicht morgens um acht Uhr an der Bürotür endet.

Der Londoner Geograph Bradley Garrett sieht in Urban Exploring eine Reaktion auf die „zunehmende Überwachung und Kontrolle des öffentlichen Raums“. Egal, was sie antreibt, die „Forscher“ eint, dass ihr Tun meist illegal ist. Sie betreten fremdes Eigentum und begehen damit strenggenommen Hausfriedensbruch. Bestraft worden ist Alexander deshalb noch nie. Im Normalfall merkt überhaupt niemand, dass er da war.

Auch an diesem Abend ist Alexander auf Erkundungstour. Ein mehrere Hektar großes Militärareal im Taunus ist sein Ziel. Als Alexander vor dem aufgegebenen Bundeswehrgelände parkt und aus dem Auto steigt, sieht er aus wie ein Soldat, der in den Krieg zieht. Er trägt ein dunkles Camouflage-Shirt und eine breite Militäruhr, an seinem Gürtel hängen Multifunktionsmesser, Werkzeug und eine kleine Taschenlampe. Auf seinen Unterarmen und im Nacken schlängeln sich Tattoos. Er geht am mit Stacheldraht gekrönten Zaun entlang, der das Gelände umgibt, und sucht das Loch, von dem Bekannte ihm erzählt hatten.

Alexanders oberste Regel lautet: Alles bleibt, wie es war. Nichts mitnehmen, nichts zerstören. „Nach einer Tour ist die Speicherkarte der Kamera voll, aber der Rucksack bleibt leer“, sagt er. Ein Loch in den Zaun zu schneiden wäre gegen seine Regeln. Findet er kein Loch, klettert er über den Zaun. Ist der aus Stacheldraht, sucht Alexander die Verbindungsstellen der Zaunstücke. Er hakt sie auf und später wieder zu, beschädigt wird dabei nichts. Die Technik kennt er aus dem Fernsehen. Dass sie nicht immer schmerzfrei funktioniert, beweisen Alexanders Hände, die von Narben zerfurcht sind. „Auch Narben sind Erinnerungen“, sagt er.

Heute wird ihm zumindest der Zaun keine neuen Wunden zufügen. Alexander zwängt sich durch das Loch. Dann kommt noch ein Metalltor, das ihn von den mehr als 100 aufgegebenen Lagerhallen, Pförtnerhäuschen und Mannschaftsquartieren trennt. Das Tor ist offen. Einfach, langweilig, Alexander ist enttäuscht. Etwas mehr Herausforderung hätte er sich schon erhofft. Denn sie macht für ihn einen guten Teil der Faszination seiner nächtlichen Ausflüge aus.

Drei Dinge reizen ihn besonders, in verlassene Gebäude einzusteigen: aus dem Alltag auszubrechen, die Atmosphäre und die Angst.

Arbeiten, einkaufen, Freizeit: Für Alexander ist das vorhersehbar. Aber wenn er losgeht, weiß er nicht, was in den folgenden Stunden passieren wird. Er kann nicht beschreiben, was er fühlt, wenn er im obersten Stock einer alten Villa sitzt und wartet, bis die Geräusche des Tages zurückkehren und die Sonne aufgeht. Man müsse es selbst erleben, sagt Alexander. Zu der besonderen Atmosphäre gehört für ihn auch die Angst. Denn: „Wann hast du im normalen Leben schon Angst? Fast nie. Aber wenn man Angst hat, merkt man, dass man lebt.“

Alexanders Nachtleben hat mit einem Tunnel im Wald begonnen. An einem Tag vor sechs Jahren arbeitet er zusammen mit einem Kumpel als Streckenposten einer Oldtimer-Rallye. Abends fahren sie mit dem Auto zu einem Restaurant, als eine Straße abzweigt, die durch einen Tunnel in den Wald führt. Neugierig geworden, biegen sie ab und folgen der Straße, die sich zwischen Bäumen einen Berg hinaufschlängelt. Schließlich endet sie neben ein paar umzäunten Baracken. Die beiden steigen über den Zaun, schauen sich um, das Licht lässt sich einschalten, aber niemand scheint hier zu sein. Wer wohl einmal hier gelebt habe, fragte sich Alexander an jenem Abend. Dieselbe Frage stellt er sich heute noch auf seinen Touren.

Das Bundeswehrgelände, das Alexander heute durchforstet, gehört zur selben riesigen Anlage, wie die Baracken, vor denen er an jenem Abend vor sechs Jahren stand. Heute weiß er, dass das gesamte Areal untertunnelt ist. Zig Kilometer Bunkeranlagen, gebaut, um Munition und Gerät im Kalten Krieg vor dem Feind im Osten zu schützen. Auch deshalb ist Alexander hier: Er will einen Einstieg in die Bunker finden.

Als er auf der Suche danach die erste Baracke betreten will, springt er erschrocken zurück. Ein Pfau steht im Türrahmen. Als das Tier Alexander sieht, rennt es davon. Alexander läuft ihm mit der Kamera in der Hand hinterher, die er auf jeder Tour dabei hat. Tausende Fotos hat er auf seinem Rechner. Manchmal zeigt er sie der Familie oder Freunden. Im Gegensatz zu anderen Explorern, die ihre Triumphe der vergangenen Nacht im Internet herumreichen, ist Alexander nicht einmal bei Facebook angemeldet. Er hasst das soziale Netzwerk, all die Posts und Likes, die sekündlichen Beweise menschlicher Nichtigkeit. Alexander würde niemals freiwillig Spuren von sich hinterlassen. Mehr als 100 Orte hat er in den vergangenen sechs Jahren als Urban Explorer besucht. Mindestens jedes zweite Wochenende ist Alexander unterwegs. Dabei hätte seine Laufbahn fast ein frühes Ende gefunden.

Alexander erkundete erst zum zweiten Mal ein Gelände, als aus der Dunkelheit Dosen auf ihn flogen. Er leuchtete mit der Taschenlampe auf dem alten Bahngelände umher, das er sich in jener Nacht anschaute. Nichts. „Hallo?“, rief er, „hallo?“. Keine Antwort, doch aus den Dosen wurden Steine. Alexander hatte Angst, „eine Scheißangst“. Er leuchtete weiter umher. Gerade erfasste das Licht seiner Taschenlampe eine Gruppe Punker, als ihn jemand von hinten packte. Die anderen bauten sich vor ihm auf und wollten auf ihn losgehen. Vor lauter Verzweiflung begann es aus Alexander zu sprudeln: Er tue ihnen nichts, er schaue sich auf dem Gelände nur um, wenn sie wollten, sei er in fünf Minuten weg, er höre doch sogar die gleiche Musik wie sie. Was er noch alles sagte, weiß er nicht mehr, doch schließlich ließen ihn die Punker gehen.

Eineinhalb Monate lang traute Alexander sich nach dieser Nacht nicht mehr loszuziehen. Er habe zu viel riskiert, sagte ihm eine Stimme im Kopf. „Wenn du Angst hast, gehe einen Schritt weiter“, sagte ihm eine andere. Alexander wälzte sich nachts im Bett und konnte nicht schlafen. Er sah die Punker vor sich, die verfallenen Gebäude. Er dachte an die Ruhe, die er auf seinen Ausflügen verspürte, die feierliche Stimmung der Nacht. Schließlich stieg er ins Auto und nahm sich einen neuen Ort vor.

Einige Tage später kaufte er sich die Schreckschusspistole. Er war im Schützenverein, hat einen Waffenschein und darf die Pistole zum Selbstschutz tragen, das ist ihm wichtig. Benutzen musste er sie bisher fast nie. Einmal hat er sie abgefeuert, um eine Wildsau zu verscheuchen. Zudem hat er rot explodierende Signalpatronen dabei, die er in Notfällen in den Himmel schießen kann.

An diesem Abend lässt er die Waffe im Auto liegen. Er glaubt nicht, dass ihn andere Menschen oder gefährliche Tiere überraschen werden. Ihn überrascht etwas anderes. Was herumsteht und -liegt in den zumeist unverschlossenen Lagerhallen, die zu Dutzenden über das Gelände verstreut sind. In der einen schlummert ein alter NSU-Prinz, in der nächsten verstaubt ein Porsche mit wenigen tausend Kilometern auf dem Tacho. Die Bundeswehrlagerhallen entpuppen sich als Autofriedhof.

Wie die Oldtimer in die Hallen kommen, kann sich Alexander nicht erklären. „Eigentlich lässt die Bundeswehr nie etwas zurück, wenn sie ein Gelände verlässt“, sagt er. Die Autos sind ein weiteres Rätsel, das Alexander wahrscheinlich nie lösen wird. Dauernd fragt er sich: Wer spielte einst mit der Puppe, die dort im Eck liegt und der ein Bein fehlt? Was für Menschen waren es, die in jenem Bett schliefen, dessen Baldachin jetzt von Motten zerfressen ist?

Einige Gebäude, die Alexander in den vergangenen sechs Jahren erkundet hat, waren wie unberührt. Eine Kurklinik zum Beispiel, in der noch OP-Tische und Behälter mit eingelegten Organen standen. Andere Orte sahen aus wie Schlachtfelder. Graffiti, eingeschlagene Scheiben, herausgezerrte Schubladen, ausgeweidete Sofas. Vielerorts haben Kupferdiebe Kabel büschelweise aus den Wänden gerissen. Auch Alexander hat einige wenige Male nicht widerstehen können, etwas mitzunehmen. Reichsmünzen hat er daheim, alte Plakate, Munition, einen Totenschädel aus Plastik. „Nichts, was, wenn es fehlt, den Charakter eines Ortes verändert“, sagt er.

Auf dem verlassenen Bundeswehrgelände langweilt er sich fast. Der Pfau war nett, die Autos sind es auch. Doch nichts, was richtig Action verspricht. Ein Problem, das Alexander von vergangenen Touren kennt. Denn vieles, was anfangs Furcht einflößte und den Adrenalinpegel nach oben schießen ließ, ist für Alexander längst Gewohnheit geworden. Manchmal lässt er deshalb in verlassenen Gebäuden den Blitz seiner Kamera kurz in der Dunkelheit aufflammen, damit er zumindest ein leichtes Gruseln verspürt. Andernorts balanciert er auf einem Holzbalken von einem Hausdach zum nächsten.

Ein hoher Kirchturm oder eben die gesuchten Bunker: das wäre neu und aufregend. Doch zumindest heute findet er keinen Eingang in die unterirdische Anlage. Nach drei Stunden verlässt er das Gelände. Er schlüpft durch den Zaun und zieht die Maschen zusammen. Dann schnürt er mit losen Drahtenden das Loch hinter sich zu.