hilf!

Stern Crime, 2018

Sie war neu in der Mordkommission, belächelt von den Kollegen. Bis sie auf eine alte Dame traf, die seit Jahren ihre Tochter vermisste

Mit Lisa McMinn

Zum Abschied spendiert Marianne Atzeroth-Freier ihren Kollegen eine Platte Mettbrötchen vom Fleischer. So ist es üblich in der Hamburger Mordkommission, es ist das Jahr 1995. Im Gegenzug bekommt sie einen Duden geschenkt. Auf der Innenseite des Buchdeckels haben alle unterschrieben, sogar der Dienststellenleiter. Am Abend dieses Januartages tritt Atzeroth-Freier, damals 48 Jahre alt, seit fast 20 Jahren bei der Polizei, zum letzten Mal als Ermittlerin der Mordkommission durch die gläserne Doppeltür des Präsidiums ins Freie. Sie empfindet Wehmut.

Marianne Atzeroth-Freier ist erst spät Polizistin geworden. Sie war Sportlehrerin, und als ihr Meniskus riss, brauchte sie einen neuen Job. Mit 31 begann sie die Ausbildung zur Schutzpolizistin. Sie schloss eine Zusatzausbildung für den Dienst bei der Kriminalpolizei an und arbeitete sich mit Wochenenddiensten und Weiterbildungen hoch bis in die Mordkommission des Landeskriminalamts. Eine unglaubliche Karriere für eine Quereinsteigerin. Frauen kannten die Ermittler der Mordkommission in den frühen 90er Jahren fast nur als Sekretärinnen und Praktikantinnen – oder als Opfer. „Was wissen Sie schon über Mord?“, fragte ein Kollege Atzeroth-Freier, als sie ihre Stelle in der Mordkommission antrat.

Drei Jahre blieb sie dort. Drei Jahre und den einen Fall.

Marianne Atzeroth-Freier ist heute 70 Jahre alt, eine schmale Frau mit hellen Haaren. Über den Wohnzimmertisch ihres Hauses am Rande von Hamburg hinweg blickt sie in den Garten, auf ihren Knien liegt ein Stapel Fotos. Bis heute hat sie sich nicht von ihnen getrennt, auch nicht von den Zeitungsartikeln, die eine ganze Kladde füllen und in denen sie fast nie vorkommt, obwohl es doch ihr Fall ist. Sie sagt: „Für meine Kollegen war es ja gar kein Fall. Die haben gelacht. Die Neue, die Anfängerin. Aber ich habe mich verantwortlich gefühlt für die Angehörigen. Es war meine Pflicht.“

Atzeroth-Freier nimmt das oberste Foto vom Stapel. Es zeigt das füllige, müde Gesicht einer Frau. „Christa S. Mit ihrer Entführung hat der Fall für mich begonnen“, sagt sie und erzählt.

Ein Freitagabend im September 1991. Gerade erst ist Marianne Atzeroth-Freier nach Hause gekommen. Sie freut sich aufs Wochenende. In jenem Sommer arbeitet die Kriminalhauptkommissarin noch im Betrugsdezernat. Nach einer psychologischen Weiterbildung gehört sie zudem der sogenannten Verhandlungsgruppe an, die sich bei Geiselnahmen und Entführungen um die Angehörigen kümmert. An jenem späten Freitagabend, dem 6. September 1991, ruft sie der Leiter der Verhandlungsgruppe an.

Am nächsten Morgen betritt Atzeroth-Freier einen Bungalow in Hamburg-Poppenbüttel. Im Wohnzimmer steht schon der klotzige „Reuter-Koffer“, das Gerät, mit dem die Hamburger Polizei zu dieser Zeit Gespräche mit Entführern aufzeichnet. Am Tisch sitzt Kurt K., der Hausherr. Sein Haar ist grau, seine Finger zieren goldene Ringe. Ein Kürschnermeister, der vor dem Ruhestand einen Pelzhandel mit mehreren Angestellten betrieb. K.s Lebensgefährtin Christa S., 53, ist am Vortag nicht in dem Krankenhaus erschienen, in dessen Verwaltung sie arbeitet. Kurz nach ihrem Verschwinden klingelte bei Kurt K. das Telefon. Jemand forderte 300 000 Mark für die Freilassung von Christa S. Der Kürschnermeister verständigte die Polizei.

Die Stimme am Telefon war hoch, berichtet K. Eine Frau. Er ist sicher, dass er ihre Stimme kennt. Aber er kommt nicht darauf, woher.

Marianne Atzeroth-Freier schlägt mit Kurt K. dessen Fotoalben auf. Wenn er die Stimme am Telefon erkannt hat, könnte die Person aus seinem Bekanntenkreis stammen. Sie schauen sich auch Bilder von K.s Urlaubsreisen an. Bis vor einigen Jahren hatte ihn noch seine Ehefrau Hilde begleitet. Hilde. Vor fünf Jahren war sie einfach verschwunden, erzählt K. Erst schrieb sie ihm noch ein paar Karten. Dann hörte er nichts mehr von seiner Frau. Über ihren Verlust wurde K. herzkrank und einsam – bis er in der Klinik Christa S. kennenlernte.

In den nächsten Tagen blättern die Kriminalbeamtin und der Pelzhändler immer wieder durch die Alben. Danach sitzt K. stundenlang in seinem Ledersessel, Kopfhörer auf den Ohren, die Augen geschlossen, und hört sich die Mitschnitte weiterer Telefonate mit der Entführerin an.

Eine Woche lang umsorgt Atzeroth-Freier den Mann, als wäre er ein guter Freund. Sie kauft für ihn ein, macht ihm Frühstück. Einmal bittet er sie um eine Flasche Doppelkorn. Er trinke eigentlich nicht, aber jetzt brauche er in der Nacht manchmal ein Glas. Ermitteln soll sie als Angehörigenbetreuerin nicht.

Vergebens warten sie auf einen erneuten Anruf. Stattdessen erhält Olaf S., der Sohn der Entführten Christa S., ein Päckchen mit einer Geldforderung. Am Telefon nennt die Entführerin dem Studenten Ort und Zeit für die Lösegeldübergabe. Am kommenden Samstag solle er das Geld auf einem Friedhof im Hamburger Norden ablegen.

Doch dazu kommt es nicht mehr. So plötzlich wie S. verschwunden ist, so plötzlich taucht sie wieder auf. Am Vorabend der geplanten Übergabe, am Freitag, dem 13. September, läuft sie in eine Polizeiwache in Hamburg-Langenhorn. Sie wirkt so gefasst, dass die Polizisten zunächst bezweifeln, dass wirklich sie es ist, Christa S., die Entführte, die die Hamburger Polizei seit einer Woche sucht. Die Beamten auf der Wache bringen S. ins Präsidium.

Es ist nach Mitternacht, als auch Atzeroth-Freier dort eintrifft. Sie soll dabei sein, wenn ein Arzt Christa S. auf Verletzungen untersucht. Auf dem Weg in den Untersuchungsraum nimmt ein Kollege sie beiseite. „Glaub ihr kein Wort“, warnt er sie, „die Alte spinnt.“

Acht Tage war Christa S. verschwunden. Ihr graues Haar fällt ihr in fettigen Strähnen ins Gesicht. Die blau-weiß gestreifte Bluse riecht säuerlich. Sie sei von einem Mann in einem Verlies festgehalten worden, erzählt sie – oder nein: in einem Atomschutzbunker. Der Mann habe sie aus ihrem Haus entführt, tagelang festgehalten und nun, ganz plötzlich, wieder freigelassen und zur nächsten Polizeistation gefahren. Die Sterne stünden schlecht für ihn, hatte er zur Begründung gesagt.

Ihre eigenen Worte bewegen S. kaum. Sie zittert nicht. Sie weint wenig, und wenn doch, beherrscht sie sich schnell wieder. Es wirkt, als sei die Geschichte, die sie erzählt, nicht ihre eigene. An ihrem Körper findet der Arzt keine Spuren von Misshandlungen, keine Wunde, keinen blauen Fleck. Die Handschellen, die sie gefesselt haben sollen, haben keine Striemen hinterlassen. Den Vorschlag des Arztes, die Nacht im Krankenhaus zu verbringen, lehnt sie ab.

Die Vernehmer halten die Geschichte für absurd. Ein Entführer, der seine Gefangene plötzlich freilässt? Und sie auch noch vor einer Polizeiwache absetzt? Weil die Sterne schlecht stehen? Die Beamten schicken Christa S. nach Hause. In den frühen Morgenstunden führt Marianne Atzeroth-Freier sie aus dem Präsidium.

Fragt man die Kommissarin heute, ob sie S. die Geschichte damals glaubte, antwortet sie: „Ich habe Frau S. weder geglaubt, noch habe ich ihr nicht geglaubt. Ich habe sie erzählen lassen und ihr nicht widersprochen.“

Am Freitag zuvor habe sie gerade zur Arbeit fahren wollen, erzählt S., nachdem sie auf den Rücksitz des Streifenwagens gerutscht ist. Wie an jedem Morgen ging sie in die Garage und startete den Motor ihres Autos – da riss jemand die Fahrertür auf. Der Mann stieß ihr ein Elektroschockgerät in die Rippen, drückte ihr eine mit Folie abgeklebte Sonnenbrille ins Gesicht, drängte sie auf den Beifahrersitz und fuhr einige Kilometer. Das Verlies, in das er sie sperrte, bot kaum vier Schritte Platz. Es hatte keine Fenster, Wände und Boden waren aus Beton. In dem Raum standen ein Stuhl, ein Stockbett aus Metall und eine Chemietoilette. Der Mann fesselte sie ans Bett und ging.

Am nächsten Morgen brachte er ihr Kaffee und frische Brötchen. Ich bin ein guter Entführer, sagte er, ich helfe dir hier raus. Sie lehnte das Frühstück ab, aus Angst, er wolle sie vergiften. Manchmal verbrachte er Stunden in ihrem Verlies, setzte sich an ihre Bettkante, erzählte von Planetenkonstellationen und erstellte ihr Horoskope. Einmal sprach er auch von Kurt K.s Frau Hildegard. Woher er sie kannte, sagte er nicht, doch er wisse, dass sie jetzt in Madrid lebe. S. prägte sich das Gesicht des Mannes ein. Die tief liegenden Augen, die spitze Nase, den Oberlippenbart. Er machte sich nicht die Mühe, sich zu maskieren.

Wenn er ihr Angst machen wollte, zeigte er Polaroidfotos. Die Frauen darauf hatten geschorenes Haar, hingen mit gefesselten Händen an einem Haken. Auf einigen Fotos war ein Bett zu sehen. Sie kannte es. Es war das Bett, in dem sie schlief. Ob er so etwas auch mit ihr gemacht hat, verrät S. nicht.

Als ihr Hunger unerträglich wurde, fragte sie nach frischem Obst – das schien ihr schwerer zu vergiften. Er brachte ihr Paprika und Äpfel. Auf einem der Früchte haftete ein kleines Etikett. Sie zog es ab und klebte es an die Wand hinterm Bett. „Als Beweis, dass ich wirklich in dem Raum eingesperrt war“, sagt S.

Die Entführungsgeschichte lässt Marianne Atzeroth-Freier das Wochenende über nicht los. Woher kennt der Entführer Kurt K.s Frau Hildegard? Wer sind die Frauen auf den Polaroids?

Ihre Kollegen tuscheln, Christa S. und der vermeintliche Entführer hätten gemeinsame Sache gemacht und die Entführung vorgetäuscht, um Kurt K. zu erpressen. Atzeroth-Freier bemüht sich, unvoreingenommen zu bleiben. Angehörigenbetreuer sind nicht dazu da, Fragen zu stellen, und erst recht nicht dazu, sie zu beantworten. Sie sollen sich um die Opfer und deren Familien kümmern. Doch Atzeroth-Freier will wenigstens loswerden, was Christa S. ihr erzählt hat. Als sie am Montagmorgen in ihrem Büro sitzt, fertigt sie ein Protokoll der Nacht an. Wer weiß, wozu es gut ist.

Drei Tage später fährt ein mobiles Einsatzkommando vor einem backsteinernen Reihenhaus in Hamburg-Rahlstedt vor. Die Nummer 35D gleicht den Nachbarhäusern, und auch der kleine Garten würde sich durch nichts von den anderen Gärten unterscheiden, ragten nicht aus dem Rasen zwei Rohre.

Die Polizisten klingeln. Von drinnen antwortet eine helle Stimme, hoch wie die einer Frau, doch als sich die Tür öffnet, steht vor den Beamten ein Mann. Breitbeinig lehnt er in der Tür, nicht groß, aber stämmig, die Haut gebräunt, das Haar wächst strähnig in den Nacken, die Augen sind wasserblau.

Als Christa S. ihrem Lebensgefährten Kurt K. den Entführer und das Verlies beschrieb, hatte der sich erinnert. Einer seiner ehemaligen Angestellten hatte ihm mal von einem Atomschutzbunker erzählt. Die Stimme des Mannes war fistelig hoch. Dank einer Fangschaltung konnten die Ermittler zudem die Telefonate des Entführers mit Christa S.’

Sohn Olaf zurückverfolgen: zu einer Telefonzelle in Basedow. In dem kleinen Ort im Süden Schleswig-Holsteins besitzt Kurt K.s ehemaliger Mitarbeiter am Ufer eines Sees ein Wochenendhaus. Später wird der Mann aussagen, bei einem Telefonat mit Olaf S. habe plötzlich das Licht in der Telefonzelle geflackert. Er bekam Angst, dass die Polizei ihn abhöre – und ließ Christa S. frei.

Unter der Woche lebt Lutz R. mit Frau und Tochter in dem Reihenhaus in Rahlstedt, er ist 43 Jahre alt und Kürschner. Nach seinen Gesellenjahren führte er einige Zeit das Pelzgeschäft seiner Mutter, jetzt ist er arbeitslos. In R.s Keller finden die Beamten den Zugang zu einem Bunker. Den hatte R. auch nie verheimlicht. Jeder konnte die Lüftungsrohre im Garten sehen. Zur Zeit des Kalten Krieges war ein Atomschutzbunker keine Seltenheit. Am Ende des gut zehn Meter langen Raums verbirgt sich hinter Werkzeugen eine schmale Luke, ähnlich der in einem U-Boot. In dem Raum dahinter finden die Beamten das Metallbett. Als sie es zur Seite schieben, pellt sich ein Obst-Aufkleber von der Wand.

Acht Monate später, im Mai 1992, erhält Marianne Atzeroth-Freier eine Vorladung. Mittlerweile ist sie in die Mordkommission gewechselt. Sie soll als Zeugin im Prozess gegen Lutz R. aussagen. Vor dem Gerichtssaal spricht sie eine Frau an. „Sie sind doch Kriminalbeamtin?“

Die Frau stellt sich vor. Ihr Name ist Margarete R. Ihr graues Haar hat sie in Wellen gelegt, ungefähr 70 Jahre ist sie alt, schätzt Atzeroth-Freier. „Ich vermisse meine Tochter Annegret.“ Vor knapp vier Jahren sei sie verschwunden, sagt Margarete R. – genau wie zuvor die Frau des Kürschners, davon habe sie in der Verhandlung gehört. „Auch meine Tochter kannte den Angeklagten. Er war der Trauzeuge ihres ersten Mannes.“

Margarete R. greift in ihre Handtasche und zieht ein Foto hervor. Darauf ist eine attraktive Frau zu sehen, blonde Locken fallen ihr ins Gesicht, sie lacht. „Das habe ich der entführten Frau in einer Verhandlungspause gezeigt“, sagt Margarete R. Die habe Annegret wiedererkannt: Sie sei eine der gefesselten Frauen auf Lutz R.s Polaroids gewesen.

Wie sie auf diesen Satz reagierte, weiß Atzeroth-Freier heute nicht mehr, nur dass er in ihrem Kopf etwas lostrat, einen Gedanken, der kurz umherraste und dann explodierte: Annegret B. und Hildegard K. – beide verschwunden, beide bekannt mit Lutz R.

Noch am selben Tag fordert sie die Vermisstenakten der Frauen an. Zwei schmale blaue Schnellhefter, viel war in beiden Fällen nicht zusammengetragen worden. Es ist das erste Mal, dass jemand die Frauen miteinander in Verbindung bringt.

Hildegard K., Tag des Verschwindens: 12. 3. 1986.

Annegret B., Tag des Verschwindens: 5. 10. 1988.

In jeder Akte liegt ein handgeschriebener Brief, adressiert an das Polizeipräsidium. Einen Absender tragen sie nicht. Atzeroth-Freier faltet das erste Schreiben auseinander und liest.

„Ich möchte hiermit klarstellen, daß ich, Annegret B. nicht vermißt bin.“

Sie nimmt den Brief aus der anderen Akte und überfliegt die Zeilen. In der Mitte des Textes bleibt sie hängen.

„Ich möchte mit diesem Brief klarstellen, daß ich nicht vermißt bin.“

Beide Frauen schreiben, freiwillig gegangen zu sein. Sie bitten darum, nicht an Landesgrenzen aufgehalten zu werden. Nur die Schriften unterscheiden sich. Annegret B. schreibt fein und elegant, Hildegard K.s Buchstaben sind die einer Schülerin. In Atzeroth-Freier wächst ein Gefühl, das sie später „Bauchlage“ nennen wird. Die Briefe können zwar nicht von derselben Person geschrieben worden sein, aber jemand muss Annegret B. und Hildegard K. gezwungen haben, sie zu verfassen. Und diese Person, da ist sich Atzeroth-Freier sicher, ist ihr Entführer. Und ihr Mörder.

Einige Tage später betritt sie mit einem Blatt Papier in den Händen das Büro des Leiters der Mordkommission. Auf dem Blatt hat die Kommissarin ihre Erkenntnisse zusammengefasst. Sie will gegen Lutz R. ermitteln.

„Als Polizistin habe ich die Pflicht, die Mutter einer verschwundenen Frau ernst zu nehmen. Wenn mein Sohn verschwinden würde, dann würde ich das Gleiche von einem Polizeibeamten erwarten“, sagt sie heute.

Um den Schreibtisch ihres Chefs stehen die Leiter der vier Mordbereitschaften, über die das Landeskriminalamt in jener Zeit verfügt. Je vier Ermittler sind ihnen unterstellt, und an der Spitze von allem thront der Dienststellenleiter. Eine klare Hierarchie. Anfängern wurde damals üblicherweise ein „Bärenführer“ zur Seite gestellt, ein erfahrener Kollege, der dem Neuen beibrachte, was er zu tun hatte und was er lieber bleiben ließ. Atzeroth-Freier schien mit Mitte 40 zu alt dafür zu sein, und so hatte ihr niemand die Codes der Ermittler erklärt. Sie war ein Fremdkörper geblieben in dieser Männerwelt.

Die Kommissarin tritt vor den Dienststellenleiter. Sie berichtet von ihrer Entdeckung, von den Parallelen bei den Fällen der drei Frauen. Ihr Chef schaut seine Bereitschaftsleiter an, dann die Frau vor seinem Schreibtisch. „Frau Atzeroth-Freier“, sagt er, „Sie sind hier bei der Mordkommission. Wir bearbeiten Tötungsdelikte. Keine Vermisstenfälle. Machen Sie Ihre Arbeit.“ Die Männer lachen.

Marianne Atzeroth-Freier antwortet nicht. Sie hält noch immer das Blatt Papier in ihren Händen, als sie sich umdreht und den Raum verlässt. An ihrem Arbeitsplatz wählt sie die Nummer von Margarete R. Sie sagt einen folgenschweren Satz: „Man wird sich um Ihre Angelegenheit kümmern.“

Am 26. Mai 1992 verurteilt das Gericht Lutz R. wegen erpresserischen Menschenraubs an Christa S. zu drei Jahren Haft. Die Strafe fällt milde aus, der Täter sei bisher nie straffällig geworden, heißt es im Urteil, und sein Opfer habe er gut behandelt, „soweit es die Lage zuließ“. Die Sadomaso-Fotos seien Zeugnis seines Hobbys, hat R. gesagt. Eine besondere Vorliebe, ja, aber doch kein Verbrechen. Der Gerichtspsychologe beschreibt R. als seelisch ausgeglichen. Er sei „absolut keine Gefahr für die Allgemeinheit“.

In der Justizvollzugsanstalt Glasmoor in einem Vorort Hamburgs bezieht er eine Zelle. Im Gefängnis kann er sich frei bewegen, spielt Karten mit Mithäftlingen, scherzt mit den Wärtern, fährt Essen aus, wischt die Flure, verteilt Post. Alle mochten ihn, heißt es später.

Marianne Atzeroth-Freier muss sich um andere Fälle kümmern – ihre Arbeit machen, wie es der Dienststellenleiter nennt. Jeden Morgen treffen sich die Ermittler zur Besprechung, berichten von den Fortschritten. Über Ermittlungen gegen Lutz R. sprechen sie nie. „Den Namen gab es nicht. Nicht für den Dienststellenleiter und somit auch nicht für meine Kollegen“, sagt Atzeroth-Freier. Doch sie hat nicht vergessen, was sie Margarete R. am Telefon gesagt hat.

Atzeroth-Freier ermittelt nebenbei, in der Mittagspause, nach Feierabend, am Wochenende. Die erfahrenen Ermittler in ihrer Mordbereitschaft belächeln den Eifer der neuen Kollegin. Falls sie einen Rat wolle, sagt Josef Tielsch, mit dem sie sich das Büro teilt: Es sei nur zusätzliche Arbeit. Nur eine Vermisstensache, kein Mord. Für die Ermittler gilt: keine Leiche – kein Fall.

Fragt man Atzeroth-Freier heute nach ihrem Antrieb, dann sagt sie: „Ich wollte dafür sorgen, dass die Angehörigen endlich Sicherheit bekommen, und wenn es nur ein Ort zum Trauern ist.“ Man wird sich um Ihre Angelegenheit kümmern – der Satz wurde ihr zu einem bindenden Versprechen. Sie beschließt, ihren Chef zu übergehen. Der Sache wegen.

Marianne Atzeroth-Freier zieht eine leere Mappe aus dem Büroschrank. Die Ermittlungsakte für einen Fall, den niemand außer ihr für einen Fall hält. Auf das erste Blatt schreibt sie: Mit Genehmigung des Dienststellenleiters führe ich, Marianne Atzeroth-Freier, die Anfangsermittlungen im Fall Lutz R.

Am Abend, wenn sie das Präsidium verlässt, besucht sie die Mutter von Annegret B. oder fährt zum Bungalow von Kurt K. und Christa S. Sie erfährt, dass die beiden vermissten Frauen am Tag ihres Verschwindens eine Notiz in ihren Wohnungen hinterließen.

„Mir ist sowieso egal was Sie machen. Ich ziehe aus“, stand auf dem Zettel, den Annegret B. ihrer Putzfrau auf den Tisch legte.

„Hab arbeiten satt, ich will nicht mehr arbeiten, will nur noch leben“, schrieb Hildegard K. ihrem Mann.

Annegret B. erklärte ihrer Mutter und ihrem Freund in Briefen, dass sie sich in einen Schweizer verliebt habe, und kündigte ihren Job bei einem Pharmaunternehmen. Noch Monate nach ihrem Verschwinden erhielt ihre Familie Postkarten, erst aus Süddeutschland, dann aus der Schweiz, die letzte war in Rio de Janeiro abgestempelt.

Hildegard K. schrieb ebenfalls. Ihrem Mann warf sie vor, er habe sie vernachlässigt. Er solle auf keinen Fall die Polizei einschalten. An ihrem Geburtstag schickte sie eine Karte von Teneriffa: „Es geht mir gut, kann endlich wieder lachen.“

Aus Annegret B.s Wohnzimmer war am Tag ihrer Entführung eine Stereoanlage verschwunden. Eines ihrer Konten war um 16 000 Mark überzogen worden, auf einem anderen fehlten 6000 Mark. Im Kleiderschrank von Hildegard K. fehlte ein Pelz, den sie laut ihrem Mann selten getragen und nie gemocht hatte. Aus einem Versteck im Badezimmer hatte jemand 20 000 Mark mitgenommen. Ihre Unterwäsche ließen beide Frauen im Schrank.

Atzeroth-Freier bittet die Angehörigen von B. und K. um handgeschriebene Briefe der Vermissten, um sie mit den Karten vergleichen zu können. Annegret B. schrieb vor ihrem Verschwinden oft und ausführlich, ihre Worte waren gewählt, die Orthografie sicher. Seit ihrem Verschwinden machte sie Fehler. Genau wie Hildegard. An deren Postkarten wundert Atzeroth-Freier noch etwas anderes: dass sie überhaupt schreibt. Als sie Kurt K. nach einer Schriftprobe fragt, winkt er ab. Eine Karte von Hilde? Nein, für Urlaubsgrüße sei er verantwortlich gewesen. Nach langem Suchen findet er doch etwas. Ein Kochrezept.

Atzeroth-Freier bringt die Karten, Annegret B.s alte Briefe und das Kochrezept zu einem Sprachwissenschaftler. Er soll prüfen, was die Kommissarin schon lange vermutet: ob Lutz R. die Briefe diktiert hat. Als der Sprachwissenschaftler die Schrift auf den Postkarten vergrößert, bemerkt er, dass manche Buchstaben einen Hauch dicker geschrieben sind als die anderen.

„Liebes Bruderherz“, steht auf einer Karte Annegrets an den Bruder. „Gesundheitlich für dich alles Gute“, steht auf einer Karte mit Weihnachtsgrüßen an die Mutter. Die nachgezogenen Buchstaben ergeben zwei Worte: „Luz“ – ein Hinweis auf den Täter. Und: „hilf“.

In dieser Zeit wird ein junger Kollege in Atzeroth-Freiers Mordbereitschaft versetzt. Andreas Lohmeyer ist intelligent und beredt und erst Anfang 30. An einem seiner ersten Arbeitstage fragt er Atzeroth-Freier, ob er die Vermisstenakten auf ihrem Schreibtisch lesen dürfe. Als er sie zurückgibt, hat er eine Liste mit Fragen und Ungereimtheiten ausgearbeitet. „Man kann nach dem Lesen gar nicht anders, als dir zu glauben“, sagt er.

1000 Seiten Papier, ihre Ermittlungsergebnisse in drei Leitz-Ordnern, liegen mittlerweile auf Atzeroth-Freiers Schreibtisch. Sie hat so viele Indizien zusammengetragen, dass sie glaubt, auch ohne Zustimmung ihres Chefs eine Hausdurchsuchung von der Staatsanwaltschaft genehmigt zu bekommen.

Für Staatsanwalt Gerald Janson ist es das erste Tötungsdelikt seines Lebens. Erst vor zwei Wochen hat der 32-Jährige sein Büro bezogen, kurz nach dem zweiten Staatsexamen. Nun muss er seine Probezeit überstehen. Jede Entscheidung, die Janson trifft, muss von seinem Vorgesetzten gegengezeichnet werden.

Marianne Atzeroth-Freier tritt, begleitet von Andreas Lohmeyer, in Jansons Büro und legt die Ordner auf den Schreibtisch. Sie berichtet, was sie herausgefunden hat. Ihr akribisches Vorgehen, ihre Beharrlichkeit, die dicken Ordner, all das beeindruckt Janson. Doch allein kann er nicht entscheiden.

Sein Vorgesetzter schaut kaum hoch, als der junge Staatsanwalt mit Atzeroth-Freier sein Büro betritt. Während er weiter auf die Papiere auf seinem Schreibtisch blickt, erklärt die Kommissarin, was er in den drei Ordnern lesen wird. Als sie fertig ist, schaut der Alte hoch. Sein Urteil ist vernichtend. „Das ist Unsinn“, sagt er und wendet sich wieder seinen Papieren zu.

Auf dem Flur spricht Staatsanwalt Janson noch einmal mit der Kommissarin. Sie soll die Ordner in seinem Büro liegen lassen.

Die nächsten Tage werden lang für Marianne Atzeroth-Freier. Sie sitzt im Präsidium und kann nur warten. Zwei Wochen lang. Dann erhält sie einen Anruf. Sie könne den Durchsuchungsbeschluss abholen. Unterzeichnet ist er von Gerald Janson. Dem Schreiben hängt eine Begründung an: Genehmigt wegen Verdacht des Mordes. Als Atzeroth-Freier ihren Vorgesetzten bittet, die Hausdurchsuchung zu veranlassen, erwidert er gleichgültig: „Machen Sie mal.“

Am frühen Morgen des 16. September 1992 versammelt sich die Mordkommission zur Einsatzbesprechung. Unter der Leitung von Marianne Atzeroth-Freier und Gerald Janson sollen R.s Reihenhaus in Rahlstedt und seine Gefängniszelle in Glasmoor durchsucht werden. Außerdem das Wochenendhaus in Basedow, 50 Kilometer östlich von Hamburg.

Andreas Lohmeyer holt R. zur Vernehmung aus dem Gefängnis und bringt ihn ins Präsidium. Atzeroth-Freier fährt mit Janson zu R.s Wohnhaus nach Rahlstedt. Zimmer für Zimmer arbeiten sich die Beamten durch das verwinkelte Reihenhaus. In ihrer Hand hält Atzeroth-Freier ein Diktiergerät und spricht hinein, was sie entdeckt: Notizbücher, vollgekritzelt mit Zahlenreihen, Videokassetten, eine Schreibmaschine. Sie steigt die Treppe zum Schlafzimmer hinauf und öffnet Schränke und Kommoden. In einer Schublade findet sie Postkarten. Auf der Vorderseite Motive aus der Schweiz, Teneriffa, Chile. Die Rückseiten sind blank.

Zwei Stockwerke tiefer führen die Beamten die Leichenspürhunde in den Keller. Schon an der Treppe verharren sie, kratzen an den steinernen Stufen. Im Nebenraum des Bunkers beißen sie sich in der Matratze auf dem Metallbett fest.

In R.s Ferienhaus in Basedow finden die Beamten eine Stereoanlage.

Lohmeyer hat den ganzen Tag mit R. auf dem Präsidium verbracht, ihn ausgefragt, doch R. ließ ihn nicht an sich heran, er machte Späße und wies alles von sich. Nun bittet Lohmeyer den Kürschner, sich zu erklären. Wir haben in Ihrem Haus eine Stereoanlage gefunden. Genau das Modell, das Annegret… R. ringt nach Luft, sein Körper krümmt sich, er hustet, keucht, bittet um sein Asthmaspray. Näher werden die Beamten einem Geständnis nicht kommen.

Die Sonderkommission, die der Dienststellenleiter widerwillig für Atzeroth-Freier und ihren Fall einrichtet, heißt Soko 924. Die Kommissarin legt die Leitz-Ordner in einen Karton, schließt ihre Bürotür im siebten Stock, trägt die Unterlagen zum Fahrstuhl und fährt in den 20. Stock. Drei Büros sind der Soko dort zugeordnet, Atzeroth-Freier, Lohmeyer, Tielsch und zwei weitere Kollegen sollen ermitteln, was Lutz R. den beiden vermissten Frauen angetan hat.

Mit den Fotos der Verschwundenen gehen Atzeroth-Freier und ihre Kollegen in Rahlstedt und Basedow von Tür zu Tür, befragen Nachbarn und Freunde. Niemand erkennt die Frauen, aber R. kennen viele. Die einen lud er zum Grillen ein, anderen verkaufte er Pelze, schwarz, an der Haustür. Er war Bademeister und Tennislehrer, Astrologe und Schatzsucher. Ein Sprücheklopfer, einer, der auf Partys Frauen um sich scharte und damit prahlte, dass er sie auch mal härter rannehmen könne. Ein Nachbar erinnert sich, dass Lutz R. ihm einmal ein Marmeladenglas zeigte, darin ein ausgebleichter Maulwurf. R. hatte das Tier in Säure eingelegt. Um zu beobachten, wie es sich zersetzt.

Die Ermittler durchsuchen die Notizbücher aus R.s Häusern nach Hinweisen. Sie wählen alle Zahlenfolgen, die Telefonnummern sein könnten, sie kontrollieren die vermerkten Adressen, Codes und Kontonummern. So stoßen sie auf eine Garage und mehrere Schließfächer.

Bei Befragungen von R.s Freunden und Bekannten kommt heraus, wie es ihm gelang, Briefe und Postkarten aus so unterschiedlichen Ländern abzuschicken. Eine befreundete Stewardess nahm eine Karte mit nach Brasilien, der Bruder von R.s Spanischlehrerin warf eine Karte in Chile ein. Die Empfänger sammelten Briefmarken, hatte R. seine seltsame Bitte einmal gerechtfertigt. Die Briefe an die Polizei hat R. wahrscheinlich selbst eingeworfen – sie tragen keinen Absender.

In seiner Garage, wenige Straßen von seinem Haus entfernt, finden die Beamten der Soko Schmuck und Kleidungsstücke, die von Frauen stammen müssen. Einige gehören Hildegard K. und Annegret B. Von wem die anderen Schmuckstücke sind, finden die Polizisten nicht heraus.

In einem Karton entdecken sie Polaroidfotos. Frauen, aufgehängt an der Decke. Frauen mit kahl geschorenen Köpfen. Frauen, umwickelt mit Klebeband. Auf einer Aufnahme ist Annegret B. zu sehen: Nackt und breitbeinig steht sie vor einer Betonwand, die Arme sind mit Sisalbändern gefesselt, die Brüste mit schwarzem Gaffer-Tape abgeklebt.

In einem Schließfach der Hamburger Commerzbank finden die Kommissare ein Tonband. Die Stimme auf der Aufnahme gehört Annegret B. Sie klingt schwach, verzweifelt, flehend. Es ist das Protokoll ihrer Qualen. „Die Pistole hat er mir schon gezeigt“, flüstert sie, „ich denke, ich muss sterben.“

In einem anderen Schließfach liegen mehrere Zähne mit Goldfüllungen, die offenbar mit Gewalt herausgebrochen wurden. Vieles deutet darauf hin, dass R. nicht nur Hildegard K., Annegret B. und Christa S. in seinen Keller verschleppt hat. In der Hoffnung, Hinweise auf weitere Opfer zu bekommen, lädt die Mordkommission zu einer Pressekonferenz, auf der die unbekannten Schmuck- und Kleidungsstücke gezeigt werden sollen.

Der Dienststellenleiter will verhindern, dass Atzeroth-Freier an der Veranstaltung teilnimmt. Wenige Tage zuvor war ein Artikel mit der Überschrift „Eine Frau sammelte die Beweise“ erschienen. Ihr Chef unterstellt ihr, sich wichtigzumachen. „Das können Sie mir nicht verbieten! Das sind meine Ermittlungen.“ Es ist das einzige Mal, dass die Kommissarin laut wird. Die Pressekonferenz bleibt ohne greifbares Ergebnis.

Auf der Suche nach weiteren möglichen Opfern R.s sieht Atzeroth-Freier die Akten ungeklärter Frauenmorde durch. Drei Fälle lassen sie aufmerken.

Elvira P., 31, die zuletzt am 13. Dezember 1990 in Hamburg gesehen wurde und deren Leiche ein Zeitungsausträger am 3. Februar 1991 in einem Schilfgürtel der Elbe entdeckte.

Erika M., 42, eine Sekretärin der Staatsoper, die im Frühjahr 1987 verschwand. Teile ihrer Leiche wurden am 13. April 1987 in Barsbüttel gefunden, 20 Kilometer östlich von Hamburg. Der Körper war mit einer Säge zerlegt worden.

Und Gabriele E., eine 26 Jahre alte Fernsehassistentin, die 1985 nach einem Discobesuch in Hamburg entführt, missbraucht und getötet wurde. An der Leiche fanden sich Tierhaare. Möglicherweise von Pelzen.

Alle drei Morde fallen etwa in den Zeitraum, in dem Hildegard K. und Annegret B. verschwanden. Und mindestens zwei der Frauen kannte R.: Elvira P. arbeitete als Pelznäherin für Kurt K., als R. sein Geselle war. Gabriele E. ging in denselben Fitnessklub wie R.

Marianne Atzeroth-Freier verlässt kaum mehr das Präsidium. Auf ihren Schreibtisch hat sie einen Korb gestellt. Dort legen ihre Kollegen Notizen und Protokolle hinein, alles, was sie draußen zusammengetragen haben.

Am Ende ist es ein Gespräch, wie es die Beamten zu Dutzenden geführt haben, das den entscheidenden Hinweis bringt. Eher nebenbei erzählt ein Nachbar in Basedow, dass R. einmal in seinem Garten eine Grube ausgehoben habe, so tief, dass sein Kopf kaum mehr herausschaute. Er wolle einen Kompost anlegen, behauptete er. Dabei hasste er Gartenarbeit doch so.

Am Abend des 1. Dezember 1992 graben Bereitschaftspolizisten R.s Wochenendgrundstück um. An der beschriebenen Stelle stoßen sie in gut zwei Meter Tiefe, unter einer dicken Betonschicht, auf eine graue Plastiktonne. Der Deckel ist schwarz und sitzt nur lose auf einer gelben Gummidichtung. Als ihn die Beamten abnehmen, schlägt ihnen ein stechender Geruch entgegen. Aus der schwarzbraunen Flüssigkeit ragt etwas heraus.

Noch in derselben Nacht kippen zwei Beamte der Soko 924 den Inhalt des Fasses langsam auf den Seziertisch in der Hamburger Rechtsmedizin, während sich ihr Leiter, Klaus Püschel, über den Edelstahltisch beugt. Den türkisfarbenen OP-Kittel hat er auf dem Rücken verschnürt und sicherheitshalber über jede Hand zwei Gummihandschuhe gezogen.

Was aus der Flüssigkeit ragte, entpuppt sich als menschlicher Oberkörper. Er ist stark zersetzt von Salzsäure, wie alle Körperteile in der Tonne. Sisalschnüre drücken sich ins Fleisch. Vermutlich hatte R. das gefesselte Opfer nach dem Mord mit einer Säge zerteilt. Die Tote ist eindeutig eine Frau. Ihre Fußnägel sind rot lackiert, die Fingernägel silbern, das Kopfhaar wurde geschoren. Obwohl die Salzsäure der Leiche stark zugesetzt hat, beweisen die Reste des Gebisses, wer die Tote ist. Marianne Atzeroth-Freier hat Annegret B. gefunden.

Am nächsten Tag ist die Kommissarin spät dran. Zehn nach acht, die Morgenbesprechung im Präsidium hat schon begonnen. Leise öffnet Atzeroth-Freier die Tür des Konferenzraums. Ihre Kollegen blicken auf. Dann lassen die ersten ihre Fingerknöchel auf die Tischplatte fallen. Tock, tock, tocktocktock. Sie klopfen, bis sie sitzt.

Im Verhör streitet Lutz R. die Schuld an Annegret B.s Tod ab. Ein Unfall. Annegret sei bei einem gemeinsamen Saunagang kollabiert und dann verstorben. Ihre Leiche habe er aus Angst vor der Polizei verschwinden lassen. Die Ermittler drohen R., sein Grundstück in Rahlstedt umgraben zu lassen und notfalls auch das Haus abzureißen. Erst als sie ihn daran erinnern, dass seine Frau und seine Tochter das alles miterleben werden, verrät R., wo er ein weiteres Fass im Garten seines Reihenhauses vergraben hat.

Die Obduktion der zweiten Leiche wird Gerichtsmediziner Püschel später als „Goldsuche“ bezeichnen. Der Körper in dem Fass ist noch viel weiter zersetzt als der von Annegret B. Auf der Suche nach identifizierbaren Körperresten ziehen die Rechtsmediziner die Flüssigkeit durch ein Sieb. Letztlich liefert eine spezielle Zahnkrone den stärksten Hinweis darauf, dass es die Leiche von Hildegard K. ist. Außerdem findet Püschel in dem Fass eine Metallzwinge, eine Kabelschelle, mehrere Bänder und eine Wäscheklammer sowie den roten Kopf einer Pinnnadel. Gegenstände, mit denen R. sein Opfer wohl gequält hat.

Für einen Mordfall braucht es Leichen. Die hat Atzeroth-Freier gefunden. Ihr Versprechen an Margarete R. ist erfüllt – aber warum sollte es nicht genauso für alle anderen Angehörigen von Vermissten gelten, für die Eltern von Elvira P., Gabriele E. und Erika M.? Atzeroth-Freier will ermitteln, ob Lutz R. etwas mit dem Tod der Frauen zu tun hat.

Ihr Chef hält davon nichts. Es gehe nicht darum, R. mit möglichst vielen Taten in Verbindung zu bringen, sondern ihm die Morde an Hildegard K. und Annegret B. nachzuweisen, felsenfest und wasserdicht.

Am 11. Januar 1995 beginnt vor dem Hamburger Landgericht der Prozess gegen Lutz R. Angeklagt ist er der Morde an Hildegard K. und Annegret B. Doch er streitet die Taten ab. Mit Annegret habe er ein heimliches Verhältnis gehabt, sie wollten nach Südamerika auswandern. Plötzlich habe sie den Mut verloren, die Trennung gewollt. Hildegard K. will er nicht berührt haben. Sie habe sich ihm anvertraut, habe seinen Rat gesucht. Schließlich sei sie die Treppe hinabgestürzt.

Laut den Ermittlungen der Soko 924 hielt R. Annegret B. fast vier Wochen gefangen, er räumte ihre Wohnung und ihre Konten leer, missbrauchte und folterte sie, bis er sie im Rausch einer sexuellen Misshandlung tötete und ihre Leiche nach Basedow brachte. Hildegard K. war eine Woche lang im Bunker eingesperrt, R. ließ sie hungern, malträtierte sie mit Schraubzwingen, bis er sie auf unbekannte Weise umbrachte. Ob R.s Frau und seine Tochter mitbekamen, was in dem Keller geschah, ist unklar. Seine – mittlerweile geschiedene – Frau verweigert vor Gericht die Aussage.

Nach anderthalb Jahren Prozess und 93 Verhandlungstagen verurteilt die Große Strafkammer 22 des Hamburger Landgerichts Lutz R. zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Ein psychologisches Gutachten bescheinigt ihm eine sadomasochistische Fehlentwicklung und eine „schwere seelische Abartigkeit“. Ob R. gieriger nach Geld war oder nach Befriedigung, darüber sind die Ermittler uneins. Bis heute sitzt Lutz R. in der Justizvollzugsanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel.

Einige Tage nach Prozessbeginn erhielt Marianne Atzeroth-Freier mehrere Kartons von der Staatsanwaltschaft. Darin lagen die Akten der getöteten Elvira P., Gabriele E. und Erika M. Die Staatsanwaltschaft forderte die Kommissarin auf, noch einmal genau zu prüfen, ob R. etwas mit dem Tod der Frauen zu tun habe. Sie fühlte sich bestätigt.

Als jedoch der Dienststellenleiter die Kartons sah, drängte er seine Mitarbeiterin, die Akten zur Seite zu stellen. Die Mordkommission habe genug mit anderen Fällen zu tun. Am selben Nachmittag erhielt Marianne Atzeroth-Freier einen Anruf. Der Leiter einer anderen Dienststelle. Er suche neue Mitarbeiter.

Am nächsten Morgen bat Atzeroth-Freier ihren Chef um Versetzung. Zwei Wochen später, im Januar 1995, verließ sie zum letzten Mal als Mitglied der Mordkommission das Polizeipräsidium. Sie wechselte in das Dezernat Interne Ermittlungen. Bis zu ihrer Pensionierung 2006 ermittelte Marianne Atzeroth-Freier fortan gegen Kollegen.

Ihr ehemaliger Dienststellenleiter bei der Mordkommission will sich heute zu dem Fall nicht äußern. Mittlerweile hat eine DNA-Spur ergeben, dass Lutz R. nicht als Mörder von Gabriele E. in Betracht kommt. Wer Elvira P. und Erika M. getötet hat, ist bis heute ungeklärt. Mit den Fällen beschäftigt sich seit einigen Monaten eine neu gegründete Cold-Case-Einheit der Hamburger Polizei. Das Zahngold und der Schmuck aus den Bankschließfächern konnten bis heute niemandem zugeordnet werden.