Huhn für die Welt

Geo, 2019

Innerhalb eines Monats erreicht es das Vierzigfache seines Geburtsgewichts, es ist spottbillig, und was wir davon essen, erzählt viel über die Lage der Welt: Das hocheffiziente Turbohuhn ist zum wichtigsten Fleischlieferanten der Menschen geworden. Ist das Wahnsinn? Oder ein Wunder?

Hühner kommen in Deutschland inklusive Gebrauchsanleitung. Für das wohl verbreitetste Masthähnchen ist sie 148 Seiten lang. Den Hühnerhaltern erklärt sie Schritt für Schritt, was sie alles tun müssen: Bevor die Küken eintreffen, die Luft im Stall auf 30 Grad Celsius vorheizen. Das Licht auf 30 bis 40 Lux regulieren und den Küken während der ersten sieben Lebenstage nicht mehr als eine Stunde Dunkelheit am Tag gewähren, damit die Tiere aktiv sind und viel fressen. Frischluftzufuhr sicherstellen. Gewichtszunahme kontrollieren. Die Dunkelphasen nun langsam verlängern, auf vier, fünf, höchstens sechs Stunden, und die Temperatur reduzieren, weil es sonst zu warm wird im Stall für die aneinandergedrängten Masthühner.

Wobei die Hühner genau genommen gar nicht Hühner heißen, sondern Ross 308.

Das moderne Masthuhn kommt aus den Labors einer Handvoll weltweit tätiger Zuchtunternehmen – Aviagen und Cobb-Vantress heißen die beiden größten –, und ihre Geschöpfe haben wenig gemein mit dem, was man sich unter einem Huhn vorstellt: Nach dem Schlüpfen wiegt Ross 308, Aviagens Marktführer in Deutschland, 42 Gramm. Nach drei Tagen mehr als doppelt so viel. Nach weiteren zehn Tagen das Zehnfache. Nach einem Monat das 40-Fache. 1680 Gramm – vom Schlupf zur Schlachtung in 30 Tagen. Und jedes Jahr wird das Huhn noch einen Tag schneller schlachtreif.

Die Zuchtunternehmen haben das Huhn umgebaut zu einer hocheffizienten Verarbeitungsmaschine: 1,5 Kilo pflanzliches Futter verwandelt ein Masthuhn bei der schnellen Mästung in ein Kilogramm Fleisch.

Ein Schwein braucht die doppelte Menge Futter, ein Rind gut viermal so viel. Vor 40 Jahren musste ein Huhn noch eineinhalbmal so viel fressen und brauchte trotzdem doppelt so lange, um das heute übliche Schlachtgewicht zu erreichen.

Ein Wahnsinn. Ein Wunder. Im Kleinen ist das Huhn, was die globale Nahrungsmittelindustrie im Großen ist: Wahnsinn, weil ihre Erzeugnisse so gar nichts mehr zu tun haben mit den Bildern, mit denen sie uns diese Erzeugnisse verkauft. Und ein Wunder, weil diese Industrie den Großteil einer wachsenden Weltbevölkerung satt macht, und manche mehr als das. Auch dank des Huhns.

23 Milliarden Hühner leben auf dem Planeten, das Dreifache der menschlichen Bevölkerung. Der Vogel mit der zweitgrößten Population auf der Erde, der Blutschnabelweber, beheimatet in Afrika südlich der Sahara, bringt es gerade mal auf geschätzte 1,5 Milliarden Exemplare – ja, die Masse der Hühner ist größer als die aller anderen Vögel der Erde zusammen.

Der gigantische Siegeszug des Huhns ist dennoch fast unbemerkt geblieben. Dabei hat es 2017 sogar das Schwein als wichtigsten Fleischlieferanten der Menschen abgelöst.

Was ist da passiert?

Seit Sie begonnen haben, diesen Artikel zu lesen, vor etwa drei Minuten, sind in Deutschland knapp 3600 Hühner geschlachtet worden: 20 pro Sekunde, 627 Millionen im Jahr. Pervers? Mal schauen.

Station 1 – Brüten: Ein paar Stunden Freiheit in einer Plastikbox

Zwischen dottergelben Rapsfeldern steht ein Gewerbegebäude, zweckmäßig und unscheinbar, hingestellt ins Irgendwo namens Elsnigk, 60 Kilometer nördlich von Leipzig, wo Sachsen-Anhalt eher aussieht wie South Dakota. Von einem Mast hängt träge eine Fahne, darauf die Kontur eines Kükens und die Aufschrift „ProCare“. Wer hier hinein will, muss duschen und frische Kleidung anziehen. Es geht durch Desinfektionsbecken und feuchtwarme Gänge. Und dann steht man vor dem Herz dieser Fabrik: den Brutschränken.

Ein Brutschrank sieht aus wie ein garagengroßes Solarium. Übereinandergestapelt in Plastikboxen, 40 mal 65 Zentimeter, von blauem Licht beschienen, liegen darin 85 000 Eier. Sie stammen von Elterntierfarmen. In diesen zeugen besonders leistungsfähige Hähne und Hennen die nächsten Masthähnchen. Die Maschine brütet dann die Eier aus: im Schnitt 21 Tage und acht Stunden lang.

19 Tage, sechs Stunden, vier Minuten steht auf dem Display des Brutschranks, den ein Mitarbeiter der Brüterei nun öffnet. Drinnen ist es tropisch warm. 40 Prozent Luftfeuchtigkeit. Mehr als 33 Grad. Wenn man still ist, hört man ein zartes Fiepen.

Es ist merkwürdig, dass in dieser technischen Sterilität, unter Neonröhren und in Plastikboxen, das Schlüpfen der Tiere trotzdem erhaben ist. Würdevoll. Noch sind die meisten Eier unversehrt, über manche ziehen sich Risse, aus einem krempelt sich ein Köpfchen heraus, in ein paar Plastikkisten liegen sie schon: gelbe Küken, der Flausch feucht, die Augen geschlossen, erschöpft vom Kampf heraus aus der Schale.

Sie schlafen, trinken aus den Wasserrinnen an den Seiten der Boxen, ein paar Küken tapsen herum – wer früh genug geschlüpft ist, hat die am wenigsten kontrollierten Stunden des Lebens. Später werden sie auf Fließbänder gesetzt werden, man wird die schwachen Küken aussortieren, sie erst betäuben und dann häckseln, und die gesunden auf Lastwagen verladen, die sie zum Mäster bringen werden, bevor andere Lastwagen sie schließlich zum Schlachthof fahren – an welchem Tag, um wie viel Uhr, das weiß der Schlachthof schon jetzt, bevor die letzten Küken geschlüpft sind.

Das Huhn ist eines der jüngsten Nutztiere. Rind, Schwein, Schaf und Ziege waren lange domestiziert, als vor etwa 5000 Jahren einer unserer Vorfahren in Asien ein paar Küken des Bankivahuhns einfing. Das ist die gültige Lehrmeinung.

Wann genau und wo – im heutigen China, in Thailand oder auf dem indischen Subkontinent – Menschen das erste Mal Hühner hielten, darüber streiten Forscher. Eine Studie von 2014 datiert die DNS aus 39 fossilen, in Nordchina gefundenen Hühnerknochen auf ein Alter von 7000 bis 10 000 Jahren. Würde sie sich bestätigen, rückte der Beginn der Hühnerhaltung nahe an den Start der Domestikation anderer Haustiere vor. Um Nahrung ging es unseren Vorfahren wahrscheinlich nicht: Das Huhn war ein schmaler Vogel mit wenig Fleisch auf den Knochen; Eier legte es auch noch nicht rund ums Jahr.

Vermutlich wollten sich die Menschen mit Hahnenkämpfen die Zeit vertreiben oder sie hatten spirituelle Gründe, das wilde Huhn zu zähmen. Hahn, Henne und Eier symbolisieren in vielen Kulturen Fruchtbarkeit; aus Hühnerknochen wurde die Zukunft gelesen; das Verhalten der Vögel prophezeite im alten Rom den Ausgang von Schlachten.

Zum Proteinlieferanten wurde das Huhn in Europa erst im Mittelalter. Die Urbanisierung nahm zu. Das Mönchstum entstand. Beides kam dem Huhn zugute: Es brauchte wenig Platz und verstieß nicht gegen die Regel der Benediktiner, die forderte, beim Fasten auf das Fleisch von Vierbeinern zu verzichten. Jahrhundertelang lebte das Huhn an der Seite der Menschen, im Haus, im Auslauf hinterm Hof, es scharrte im Dreck, legte ein paar Eier, und irgendwann, nach einigen Jahren, landete es im Suppentopf – egal, ob in Mitteleuropa oder in der Sahelzone, im Dschungel wie im Polarkreis.

Zum kopiergeschützten Turbohuhn von heute wurde es durch einen Irrtum. 1923, Oceanview, ein Küstenort im US-Bundesstaat Delaware. Celia Steele besitzt wie viele Hausfrauen ein Hühnerhäuschen. Sie braucht Nachschub. Statt der bestellten 50 Eintagsküken werden 500 geliefert.

Steele zieht die gelben Küken über den Winter in ihrem kohlebeheizten Hühnerstall auf. 387 Tiere überleben. Auf engstem Raum. Im Frühjahr verkauft Steele die schlachtfertigen Hühner für je 1,34 Dollar. Dann bestellt sie 1000 Küken; ein Jahr später 10 000. Aus der Hausfrau Celia Steele wird die erste Hühnerbaronin – und die Begründerin der industriellen Hähnchenmast.

Steeles Erfolg beweist, dass mit Hühnern mehr zu verdienen ist als das sogenannte Eiergeld, die paar Münzen, die Bauersfrauen bekommen und behalten dürfen, wenn sie Eier oder ein Suppenhuhn verkaufen. 1935 gründet John W. Tyson, ein amerikanischer Geschäftsmann, Tyson Foods. 112 Tage braucht ein Huhn damals, um sein Schlachtgewicht zu erreichen. Viel zu lang. Tyson und seine Konkurrenten investieren in die Zuchtforschung – bis die in den 50er-Jahren eine revolutionäre Erfindung macht: das Hybridhuhn.

Die Züchter wenden erstmals den Heterosis-Effekt auf Hühner an, bis dahin eine Technik der Pflanzenzucht. Sie paaren über Generationen hinweg die Geschwistertiere einer Rasse miteinander, bis reinrassige Tiere entstehen, eine sogenannte Inzuchtlinie. Die Züchter kreuzen dann zwei genetisch weit voneinander entfernte Inzuchtlinien miteinander, die über unterschiedliche gewünschte Eigenschaften verfügen; zum Beispiel die Linie einer großen, aber trägen Hühnerrasse mit der Linie einer schmalen, kämpferischen.

Die Kreuzung führt zu Nachkommen, die leistungsfähiger sind als ihre Eltern, weil sie beide gewünschten Eigenschaften vereinen: groß und kämpferisch. So entstehen nach und nach Hennen, die besonders viele Eier legen, und Masthähnchen, die extrem schnell Fleisch ansetzen (wobei ein Masthähnchen eigentlich kein Hahn ist, sondern männlich oder weiblich sein kann).

Das Hybridhuhn verschafft den Zuchtfirmen Macht. Denn es hat einen Nachteil: Kreuzt man die Hochleistungshühner miteinander, entstehen Nachkommen, die weniger leistungsfähig sind als ihre Eltern. Hühnerhalter können nun nicht mehr selbst ihre Herden züchten. Jedes Mal müssen sie neue Küken bei den Zuchtunternehmen bestellen.

Der natürliche Kopierschutz der Turbotiere hat die Hähnchenmast zu einer außergewöhnlichen Branche gemacht: Ein paar Konzerne kontrollieren die gesamte Verwertungskette. Tyson Foods, das vor gut 80 Jahren in den USA gegründete Unternehmen, ist heute einer der größten Hähnchenproduzenten der Welt. Es schlachtet 35 Millionen Hühner in der Woche. Mit Cobb-Vantress gehört dem Konzern zugleich eine der größten Zuchtfirmen, außerdem Futtermühlen, Hersteller von Tiermedikamenten, Schlachthöfe – nur die Hähnchenmäster sind eigenständig, aber das auch bloß auf dem Papier.

Station 2 – Hähnchenmast: Die Realität also. Eineinhalb schlachtreife Tiere auf einer DIN-A4-Seite

Storkow in Brandenburg, 50 Kilometer südöstlich von Berlin. Hinter einem militärgrünen Metallzaun ziehen sich Reihen flacher Ställe dahin. Von einer Biogasanlage weht der süßliche Geruch von Vergorenem herüber.

Der Geflügelmäster Henry Meerbeek ist ein bulliger Mann von Ende 50, braungebrannt und aknenarbig. Vor mehr als 25 Jahren kam er nach Deutschland. Meerbeek besaß in den Niederlanden einen Mastbetrieb, doch um sich zu vergrößern, fehlte ihm der Platz. Nach der Wende pachtete er in Brandenburg ein paar Reihen schmuckloser Ställe, in denen zu DDR-Zeiten Karnickel gezüchtet wurden. In den Niederlanden hielt Meerbeek 36 000 Hühner. In Storkow sind es 360 000.

Schutzanzug. Zwei Paar Plastiküberzieher. Einmal in die Desinfektionswanne. Ein Hühnerstall ist ein Sicherheitstrakt. Ihr kurzes Leben lässt den empfindlichen Hybridhühnern kaum Zeit, ihr Immunsystem der Umwelt anzupassen. Also wird die Umwelt den Tieren angepasst. Temperatur, Beleuchtung, Luftfeuchtigkeit – all das kann Henry Meerbeek von seinem Büro aus regulieren oder an einem Computer im Vorraum der Ställe: aus Bauern sind Stallmanager geworden. Futterverwertung. Verlustrate. Antibiotikaeinsatz. Meerbeek muss einen Stall nicht mal betreten, um zu wissen, wie es den Tieren darin geht.

Natürlich kennt man die Bilder, aber es ist trotzdem ein Schock. Im Dämmerlicht des Stalls erstreckt sich ein weißer Teppich auf der Länge eines Fußballfelds. 20 000 Tiere. 27 Tage sind sie alt, in fünf Tagen gehen die ersten zum Schlachter. Es riecht ein bisschen nach Ammoniak. Manchmal piept es.

„Es wirkt nur von außen so eng“, sagt Henry Meerbeek, „wenn man reingeht, sieht man, dass noch Platz ist.“ Er tritt in den Stall, auf kurzen Beinen stieben weiße Leiber gackernd davon. Auf Kopfhöhe der Tiere sind über die Länge des Stalls Rohre installiert, an denen, bequem erreichbar, Futtertröge und Wasserschälchen hängen. Ein Tier kommt nur schwerfällig auf die Beine. Es hinkt. Meerbeek zeigt auf das Huhn: „Das muss ich aussortieren.“

Wenn man inmitten der Herde steht, wirken die Hühner nicht ganz so eng aneinandergedrängt. Aber es ist eben doch ziemlich wenig Platz. In Deutschland sind pro Quadratmeter maximal 39 Kilo Huhn erlaubt: eineinhalb schlachtreife Tiere auf einer DIN-A4-Seite.

„Das ist die Realität“, sagt Meerbeek, „und die will ich zeigen.“ Viele Hähnchenmäster öffnen ihre Stalltüren nicht, oder nur, wenn die Tiere erst wenige Tage alt sind. Niedliche gelbe Küken in einem riesigen Stall. Als hätte man ein paar Tennisbälle in einen Flugzeughangar gekippt.

Die Realität also: Meerbeek produziert in seinen Ställen pro Jahr 2,8 Millionen Hähnchen, mit zwei Mitarbeitern. Er ist Vertragsmäster der Plukon Food Group, einem der größten Geflügelproduzenten in Europa, der mehrheitlich der niederländischen Investoren-Gesellschaft Gilde Buy Out gehört. Plukon liefert Meerbeek die Küken und das Futter, und Plukon schickt auch Fangtrupps, um die schlachtfertigen Hühner wieder abzuholen.

Das klassische Geschäftsmodell der Branche: Die Mäster sind eigenständig, aber eng mit einem großen Erzeuger verbunden. Und weil die Technik im Stall so aufwendig und teuer ist und der Gewinn pro Huhn bloß ein paar Cent beträgt, werden die Mastbetriebe immer größer. 70 Prozent der deutschen Masthähnchen werden in Betrieben mit mehr als 50 000 Tieren gehalten.

Nur so lassen sich die unglaublich niedrigen Preise für Hähnchenfleisch erreichen. Ein Kilo Schenkel für 2,49 Euro, 600 Gramm Brustfilet 3,89 Euro. Der Preis erklärt den Welterfolg des Huhns. Sein Fleisch ist bezahlbar, das von Schwein und Rind sind es für viele Menschen nicht.

Und dann noch der Geschmack. Ein Masthuhn wächst so schnell, dass sein Fleisch kaum Aroma entwickeln kann. Und weil es nach nichts schmeckt, kann das Fleisch mit ein paar Gewürzen nach allem schmecken: Asia-Pfanne, Wraps, Salat mit Hähnchenbruststreifen.

Was ist, wenn man das alles nicht will? Wenn man Fleisch essen möchte, aber nicht dieses Fleisch? Wenn man der Meinung ist, dass ein Hähnchenfilet mehr kosten soll als eine Packung Katzenfutter?

Station 3 – Was der Verzehr von Hühnerfleisch über Arm und Reich verrät

Ruthe, 20 Kilometer südlich von Hannover. Seit 18 Jahren leitet Christian Sürie das Lehr- und Forschungsgut der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. Ein kleiner Test-Bauernhof. Sürie hat Rinder erforscht, Schweine, Fische. Über das Huhn sagt er: „Es ist ein Wunder.“ Ein Lebewesen, dessen eine Zuchtlinie, die Legehenne, täglich ein Ei legt, vom Gewicht, „als würde eine Frau jeden Tag ein Kind bekommen“. Und dessen andere Linie, das Masthuhn, im Lauf seines kurzen Lebens pro Tag mehr als sein Geburtsgewicht zunimmt.

Sürie isst gern Huhn, er kauft es am liebsten auf dem Markt, auch bio. „Aber damit mache ich mir natürlich etwas vor.“ Denn bio sei eben nicht besser, im Gegenteil. Der Umwelt schaden Bio-Hähnchen oft mehr als konventionelle: Sie sind einfach zu langsam. Zehn Wochen braucht ein Bio-Huhn, um ein Gewicht zu erreichen, das Ross 308 in einem Monat schafft. Ein längeres Leben: schön für die Bio-Hühner. Gut für den Geschmack. Aber schlecht für die Umwelt.

Denn Hühnerfutter besteht aus Soja; die Futterpflanzen werden in Südamerika angebaut, ganze Wälder dafür gerodet. Ein Dilemma: Je schneller die Tiere vollgestopft werden und auf ihr Schlachtgewicht kommen, desto weniger Futter brauchen sie. „Hühner sind unsere Fressfeinde, sie fressen unsere Körner. Das ressourcenschonende Huhn ist ein Turbohuhn“, sagt Christian Sürie. „Eigentlich müssten wir Eier und Fleisch noch viel effizienter erzeugen.“ Es gibt einen Zusammenhang, der für nahezu alle Gesellschaften gilt: Mit dem Wohlstand steigt der Fleischverzehr – bis er irgendwann wieder zurückgeht. In Deutschland sinkt er Jahr für Jahr um einige hundert Gramm und liegt nun bei 59,7 Kilogramm. Doch während die Reichen der Industrienationen satt sind, isst die neue Mittelschicht in den Entwicklungsländern immer mehr. Würde sie auf Biofleisch umsteigen – es müsste ein Vielfaches an Soja, Gerste, Mais und Weizen angebaut werden.

Das Huhn ist ein globales Tier, es erzählt viel über die Lage der Welt. Nordamerikaner und Westeuropäer suchen sich aus dem Tier das beste Stück heraus: die Brust. Ihr Erlös finanziert das ganze Huhn. Deshalb haben die Zuchtfirmen sie anwachsen lassen, bis ein Masthuhn nun aussieht wie ein Hantelstemmer, der sich mit Anabolika aufgepumpt hat. Mehr als ein Fünftel des Schlachtgewichts macht die Brust aus.

Alle anderen Teile des Huhns sind in den Industrieländern fast unverkäuflich und werden zu Dumpingpreisen entsorgt. Die Schenkel verschicken wir in Länder wie Mexiko und die Ukraine, die Füße gehen nach Asien, Flügel für Afrika. Weil sich die Konsumenten weigern, ein Huhn am Stück zu kaufen, bringen sie einen weltumspannenden Handelsstrom in Gang. Lange trieben europäische Geflügelkonzerne Hühnerhalter in Ghana und Südafrika in den Ruin, weil sie den Markt in Afrika mit tiefgefrorenen Innereien und Chicken Wings überschwemmten. Seit Südafrika, bis 2016 der Hauptabnehmer für Hähnchenfleisch aus der EU, einen Importzoll erhebt, ist der Handel eingebrochen. Doch weder hilft das den lokalen Mästern allzu sehr, da das Land seinen Bedarf vermehrt mit Fleisch aus den USA und Brasilien deckt, noch hindert es Europas Produzenten am Export: Statt nach Westafrika verschiffen sie ihre Ware nun eben nach Vietnam und auf die Philippinen.

Wo der Handelsstrom mit Hühnerfleisch an eine Grenze gelangt, findet er fast automatisch andernorts neue Vertriebswege. Viele Sommer lang wurden in Brasilien tonnenweise Hähnchenbrüste losgeschickt, damit wir fettarmes, knochenloses Fleisch auf den Grill bekommen. Vor einem Jahr aber verweigerte die EU-Kommission mehreren brasilianischen Schlachtbetrieben die Abnahme ihrer Produkte wegen Salmonellenverdachts. Sogleich beeilten sich Hähnchenmäster in Thailand und der Ukraine, den Engpass in der EU zu decken. Und weil wir möglichst wenig Geld für Lebensmittel ausgeben wollen, können sich ausgerechnet in Brasilien, dem größten Geflügelfleischexporteur der Welt, manche immer noch kein Hühnchen leisten. Weltordnungsmacht Huhn.

Am Ende hat Christian Sürie nur einen Rat: Weniger Fleisch zu essen – und dafür bewusster.

Station 4 – Schlachthof: Was bleibt am Ende? Wut. Auf mich

Storkow. Wenige hundert Meter von Henry Meerbeeks Ställen entfernt steht der Schlachthof. Davor parken Autos mit polnischen Kennzeichen, die Grenze ist nah, und mit ihr sind es günstige Arbeitskräfte. Sie zerlegen und verpacken Billigfleich. 120 000 Tiere schlachtet Friki, ein Tochterunternehmen der Plukon-Gruppe, hier jeden Tag. Hähnchenbruststreifen und Chicken Wings für die Discounter in Deutschlands Osten.

Lastwagen rollen in die Einfahrt der Fabrik, fahren durch ein flaches Becken, das mit Desinfektionsflüssigkeit gefüllt ist, und bringen die Tiere in eine Halle. Dort kauern sie in aufeinandergestapelten Plastikboxen. Das Licht ist blau, weil das die Tiere beruhigt. Sie haben seit mindestens acht Stunden nichts gefressen, ihre Gedärme sind leer.

Aus den Boxen werden die Hühner auf ein Fließband gekippt, sie fahren durch einen Tunnel, in den CO2 geleitet wird und die Tiere betäubt. Mitarbeiter drücken die Hühner auf Haken. Sie fahren an einem rotierenden Messer vorbei, ähnlich einer Flex, das Messer trennt Kopf und Füße ab. Die Tiere bluten aus. Ein Mitarbeiter prüft, ob sie wirklich tot sind und setzt im Zweifel noch einen Schnitt. In vielen Schlachthöfen übernimmt diesen Job ein Muslim: Ist der Betrieb nach Mekka ausgerichtet, gilt das Fleisch dann als halal. Noch ein Grund für den wachsenden Appetit. Muslime, Christen, Juden, auch viele Hindus – alle mögen Huhn.

Keine Blutlachen dicken auf Kachelböden ein. Es stinkt nicht. Alles ist maximal hygienisch. Trotzdem schießen die Reize auf die Sinnesrezeptoren, als hätte jemand die Sättigung am Fernseher hochgedreht. Man steht da, mit Schutzanzug und Haarnetz, und über, vor, hinter, neben einem bringen Fließbänder Hühnerteile vorbei, Schenkelspitzen, Unterschenkel, Oberschenkel, ganze Schenkel, eine Metallwanne steht da, ein Schritt ran, ein Berg winziger Hühnerherzen, ovale, lilagraue Meerestiere, Arbeiterinnen scherzen, während sie Brustfilets schneiden.

Schlachten ist brutal banal.

Ich weiß nicht mehr, wann mein Mitleid mit den Hühnern verschwunden ist – am Brüter? Oder erst am Rupfer? – und wann ich es durch Wut ersetzt habe. Wut auf die Leute an den Fließbändern, die über ihren nächsten Urlaub reden, während sie Fettfäden aus Schenkeln ziehen. Wut über diesen arroganten Gedanken: Gefühl kann sich nur leisten, wer eine halbe Stunde zu Besuch kommt – für alle anderen ist Abstumpfung lebenswichtige Psychologiehygiene. Wut auf alle, die dieses absurd billige Fleisch für Irgendwas,99 kaufen werden. Wut auf mich, weil ich spätestens in drei Wochen auch wieder Hühnerfleisch essen werde: Wut auf diese wahnsinnige Egalheit.

Am Ende gehe ich noch einmal dorthin, wo die Hühner in den CO2-Tunnel fahren, auf zwei, drei Metern Höhe, damit den Tieren danach, in langen Reihen hängend, auf dem Fließband darunter das Messer den Kopf abschneiden kann. Es geht unglaublich schnell. Zack, zack, zack.

Und da sehe ich es. Auf dem Boden, hinter dem Fließband, sitzt ein weißes Huhn, wahrscheinlich ist es kurz vor dem Betäubungstunnel vom Band gefallen. Es bewegt sich nicht. Guckt nur. Erhaben, irgendwie wissend.

Als sei ihm klar, dass es in einigen Minuten oder Stunden an einem Haken hängen wird. Mitarbeiter werden es zerteilen und Brust, Schenkel, Füße und Flügel in unterschiedliche Plastikschalen verpacken, Lastwagen werden die abholen und in einen Supermarkt bringen, in ein Flugzeug oder aufs Schiff, ein paar hundert Gramm der pro Jahr weltweit gegessenen 119 208 000 000 Kilo Geflügelfleisch: ein weiteres Huhn für die Welt.