Als wäre es gestern

FAS, 2019

Vor zehn Jahren veröffentlichte der Wiener Rapper Kamp sein Debütalbum. Trotz des überraschenden Erfolgs von „Versager ohne Zukunft“ erschien danach nie wieder eine Platte. Warum? Und was macht er heute?

Als ich „Versager ohne Zukunft“ das erste Mal hörte, hatte ich schlechte Haut und das Mädchen, in das ich verliebt war, einen neuen Freund. Kurz zuvor war mein Vater gestorben. Keine so gute Zeit.

Vermutlich erfuhr ich von „Versager ohne Zukunft“ (ab jetzt: VoZ) aus dem Hip-Hop-Magazin „Juice“, das ich damals liebte und die Platte zum Album des Monats gekrönt hatte; später würde die Redaktion es als Release des Jahres auszeichnen. Ich lud es herunter – fünfzehn Euro für ein Album waren so menschenverachtend wie die dreißig Euro Taschengeld, die ich im Monat bekam. Von zwei Österreichern namens Kamp und Whizz Vienna, Rapper und Produzent von VoZ, hatte ich nie gehört.

Es muss einige Wochen auf dem Computer herumgelegen haben, bevor es VoZ auf meinen kleinen, weißen 1GB-iPod schaffte, der beim Scrollen durch die Songs mit dem Touch-Rad so niedlich kl-kl-klickte. Wo ich VoZ das erste Mal hörte, im Schulbus, der an braunen Feldern vorbei über die Dörfer ruckelte, oder in meinem Kinderzimmer mit dem Eminem-Poster und den paar Medaillen vom Fußball an der Wand – keine Ahnung. Der Moment hat keinen Eindruck hinterlassen, weil VoZ kaum Eindruck hinterließ: Ich fand das Album okay.

Wenn ich heute die neunzehn Songs höre, die ich immer noch nur als MP3-Dateien habe, wundert mich jedes Mal, wie alt VoZ schon damals geklungen haben muss und wie gut es sich trotzdem, oder deshalb, gehalten hat. Die Beats des Produzenten Whizz Vienna, der die R&B-Sängerin Millie Jackson sampelte und Zitate aus Tupac-Songs schnitt, gaben der Platte eine Wärme, mit der sie sich an die Goldene Hip-Hop-Ära der Neunzigerjahre anschmiegte statt an den damaligen kühlen deutschen Straßenrap. Im Jahr 2009 jagten sich Kollegah und Farid Bang mit aggressiven Punchlines durch den ersten Teil ihrer „Jung, brutal, gutaussehend“-Trilogie. Das war es, was wir im Sommer auf dem Bolzplatz hörten. Kamp dagegen rappte in einer Monotonie und mit einer Resignation: „Gib mir ‘ne Chance, und ich verbaue sie wie Tetrisspieler/und genau deswegen nehm‘ ich Antidepressiva.“ Genauso gut hätte Zlatan Ibrahimovic erklären können, Atemübungen gegen Versagensangst zu machen. Fußballer und Rapper waren keine Berufsgruppen mit ausgeprägten Selbstzweifeln.

Während all die Kollegahs mit schlauen Wortspielen und asozialen Vergleichen zeigen wollten, welch krasse Banger sie waren, protzte Kamp nur als Versager, der sein Leben dann schon richtig versaute. Kein Tag ohne Wodka-Ölung, ein Versandler zwischen Parkbank und Eckkneipe, Selbstmitleid und Selbstironie. „Mir fehlt Hoffnung wie auf meiner Beerdigung Gäste“, ging eine dieser Lines, von denen Kamp behauptete: „Ich krieg‘ so oft Post vom Amt/Ich schreib das hier nur auf Bußgeldbescheiden.“ Mit jedem Hören wurde der Loser sympathischer, und er rappte auch noch auf diesem urguten Schmäh.

Womit mich VoZ völlig bekam, waren die ein, zwei Songs, die Kamp für mich geschrieben hatte. Auf „Als wär es gestern“ erinnerte er sich an eine Kindheit, von der ich glaubte, dass ich sie gerade abschloss. Hauptsächlich aber war es „Goldene Wolken“, ein Song, in dem ein Elternteil zwischen Geräten und Schläuchen, Piepen und Beuteln liegt, der mitten in meine Trauer krachte und sie kein bisschen kleiner machte. Mit Verstandenwerden hatte das nichts zu tun. Ich wollte nicht verstanden werden, bloß den Schmerz für mich allein. Kamp kannte niemand auf dem Schulhof, und ich musste ihn nicht teilen.

Im endlangsamen Dorfinternet suchte ich nächtelang nach allem, was es zu Kamp gab. Viel fand ich nicht. Florian Kampelmühler war siebenundzwanzig, Student der Akademie der bildenden Künste, Rapper und Graffitimaler seit seiner Jugend. Er galt als eine Art Battlerap-Wunderkind, das einmal auf einem Konzert in Wien nach Eminem aufgetreten war. Vermutlich kam er aus einer Apothekerfamilie. Vor VoZ hatte Kamp ein paar EPs veröffentlicht. Auf Fotos trug er seine übergroße Hip-Hop-Uniform und sah so blass aus wie sein Hologramm.

Mit VoZ wurde Kamp zwei Mal für den Amadeus Austrian Music Award nominiert, den größten Musikpreis Österreichs. Bevor ich mich durchgerungen hatte, doch ein halbes Taschengeld zu opfern, war das Album ausverkauft, und bald wurden die Schallplatten auf Ebay für einige Hundert Euro gehandelt. Ich war sicher, dass Kamp schnell ein weiteres Album aufnehmen würde, fragte mich bloß, was er darauf erzählen wollte. Mit dem Loserleben war es ja nach VoZ vorbei.

Jedes Lied, das erschien, jeden Gastauftritt Kamps, und anfangs waren das ein paar, hielt ich für die Ankündigung eines neuen Albums. Doch es kam nichts. Nada. Die Auftritte bei befreundeten Rappern wurden weniger. Und im Prinzip hatte Kamp genau das angekündigt auf VoZ, ich hatte es nur unter sympathische Übertreibung eingeordnet. „Versager ohne Zukunft“, hieß es da: „Das erste und letzte Album.“

Während in den folgenden Jahren ein Wiener Kunstmensch nach dem anderen bekannt wurde – die Autorin Stefanie Sargnagel, die Popband Bilderbuch, der Rapper Yung Hurn -, verschwand Kamp. Keine Interviews, keine Konzerte, keine neue Musik. Es blieb nur VoZ, und es immer mal wieder zu hören.

Im Rückblick wirkt es so, als ob das Album schon viel von dem enthielt, was die Wiener Künstler der letzten Jahre so gut macht. Mit Stefanie Sargnagel, die in dieselbe Akademieklasse bei Daniel Richter ging, verbindet Kamp das Zelebrieren des Kaputten, Grindigen. Wie Bilderbuch zeigt er, dass Dialekt nicht nach Lederhosen und Bierschaumbatzen klingen muss, sondern etwas Lässiges haben kann. Yung Hurn teilt mit ihm, neben der Vorliebe für Stolichnaya-Wodka, den Riesenmittelfinger, das Ihr-könnt-mich-alle-mal. Und Depression, Schlafmittel, Traurigkeit – das sind Wörter, aus denen heute Teenie-Stars, sogar Rapper, Universen und Alben erschaffen.

VoZ hatte genug Pathos, um mich als Fünfzehnjährigen zu kriegen, und die Lakonie, damit ich mich als Fünfundzwanzigjähriger nicht dafür schäme. Es ist schön uneindeutig geblieben. Wie viel Pose in Selbstbeschreibungen wie „Psycho, verkifft, alkoholkrank“ steckte, habe ich nie begriffen, das angehängte „so sorry“ klang für mich jedenfalls ehrlich und Kamp so, als ob er sich und sein Versagerleben nicht nur gut fand. Dass die Personen auf VoZ real waren, wie die Exfreundin Nora, der Kamp mit einem Song mitteilte, dass er sie nicht zurückwollte, das aber sehr, war so wahrscheinlich wie egal. Wahr war es, weil es wahr klang.

Immer mal wieder googelte ich Kamp. 2011 ein kleines Interview, in dem er als Schuhverkäufer eines Wiener Sneaker-Ladens auftauchte. 2015 Fotos einer Kunstinstallation aus dem Laden, entworfen von ihm und einer Nora. 2016 schrieb er für Vice über eine Veranstaltung namens Wiener Hip-Hop-Ball und ein bisschen auch über den „Großraumdisko-R’n’B-Rotz“, der mittlerweile als Rap durchging: „So fühlt man sich vermutlich nach einem Puff-Besuch: Ich schäme mich, hier gewesen zu sein.“ Die Webseite des „Atelier Kamp“ führte nun Nora und Florian Kampelmühler im Impressum.

Zu der Zeit ging ich auf eine Journalistenschule, und vielleicht lag es daran, dass ich manchmal dachte: super Geschichte. Riesendrama. Muss ich machen. Musiker nimmt Album seines Lebens auf, wider Erwarten wird es ein Erfolg, ein Szeneklassiker, geliebt bis heute – doch statt dann richtig Geld zu verdienen mit der Musik, hört er auf. Verkauft Schuhe. Weil er nicht mehr glaubhaft über sich als Versager rappen kann, weil die Musik von heute nicht seine ist, weil er Prinzipien hat. Und dann heiratet er noch die auf dem Album verewigte Exfreundin. Das war wie „Searching for Sugar Man“, die Geschichte des verschollenen Sängers Rodriguez, wie „Hobalala: Auf der Suche nach João Gilberto“ über den geisterhaften Bossa-Nova-Musiker. Mindestens. Oder so ähnlich.

Je weniger Informationsschnipsel Google herausgab, mit desto mehr Fantasie konnte ich das Bild auslegen.

Vor ein paar Wochen schrieb ich Kamp auf Facebook. Er antwortete nicht. Ich hörte mal wieder VoZ. Nach all den Jahren brachten die Songs immer noch Bilder hoch. „Graffiki“, Kamps Ode ans Graffitisprühen, zu der ich zigmal meine Initialen mit Edding auf den weißen Stromkasten an der Bushaltestelle geschliert hatte, wenn kein Auto kam, zigmal nur im Kopf. Das Rumklicken auf dem iPod, der heute wirkt wie damals ein Walkman. Der Moment, als ich Jahre später mit einem Kommilitonen nachhause lief und wir die Kennenlernfacts Studienfachkombination, Herkunftsort, Musikgeschmack abfragten, seine Antwort und die sofortige Verbundenheit. Dann schrieb Kamp zurück: Gern könnten wir telefonieren.

An einem späten Vormittag erschien eine österreichische Nummer auf dem Display, und der Musiker, von dem ich seit zehn Jahren neunzehn raubkopierte MP3s auf wechselnden Laptops habe, war nett. Er freue sich, dass nach all der Zeit noch jemand mit ihm über VoZ reden wolle, sagte Kamp, und dann stellte ich meine Fragen.

Warum war für Whizz Vienna und dich eigentlich klar, dass VoZ Euer einziges Album sein würde?

„Als Whizz und ich mit VoZ begonnen haben, hatte ich fünfzehn Jahre Musik hinter mir. Wir haben immer gescherzt, dass wir unsere einzigen Hörer sind. Wir haben das allein für uns gemacht, und irgendwann musste der Wahnsinn ein Ende haben. Als wir gemerkt haben, dass wir ein ganz gutes Album hinbekommen haben, war das eher ein Zusatzreiz. Der Trotz zu sagen: Schaut, was wir können, und das war’s dann auch. Vielleicht sind wir da einfach doof.“

Und seither hast du keine Musik mehr gemacht?

„Ich habe nie aufgehört. Wenn ich morgens aufstehe und höre, was ich am Abend zuvor aufgenommen habe, und es gefällt mir noch, dann ist das ein Gefühl der Erfüllung, das ich nirgendwo sonst gefunden habe. Ein Album kann ich nach VoZ natürlich nicht mehr machen – aber vielleicht kommt irgendwann ja eine Doppel-EP. An der arbeite ich mehr oder weniger seit VoZ, offensichtlich nicht sehr konzentriert.“

Hast du nicht den Drang, dass andere deine Musik hören?

„Wenn du eine Platte gemacht hast, die deine Haltung auf den Punkt bringt, und den Eindruck habe ich auch nach zehn Jahren noch, dann ist viel Druck weg.“

Und die Nora…

„…ist eine andere Nora. Die bessere Nora.“

Spätestens da merkte ich, dass mich das nichts anging. Ich neugierig war, es mich aber nicht wirklich interessierte. Wir redeten noch ein bisschen über aktuellen Rap und den Hype um Wien, und es kam mir zunehmend so vor, als spräche da ein tiefenentspannter Familienvater, zufrieden, weil er etwas geschafft und die offenbar recht realen Sucht-, Seelen- und sonstigen Lebensprobleme hinter sich gelassen hatte. Wahrscheinlich war das eh die viel bessere Geschichte. Bloß nicht meine. Kamp würde sie vielleicht mal auf einem Album, pardon: einer Doppel-EP, erzählen, irgendwann.

Wir verabschiedeten uns und legten auf. Ich ärgerte mich ein bisschen. Mal wieder hatte ich versucht, mit meinen Journalistenfragen etwas herauszufinden, die Person hinter dem Werk zu sehen.

Dabei war das schönste Rätsel nicht, wer Kamp war und wie viel von ihm Florian Kampelmühler oder wie Kamp/Kampelmühler VoZ hinbekommen hatte. Das Rätsel ist, wie es dieses Album in mein Kinderzimmer geschafft hat, warum ein fertiger Wiener Mittzwanziger mein Gefühl zu einem bestimmten Zeitpunkt besser beschreiben konnte als ich selbst, während ihn mit mir nichts verband außer neunzehn MP3s und ein magisches Dazwischen.

Trotzdem war es nett zu wissen, dass Kamp nett war.