Oh, Junge

Neon, 2017

Das Debütalbum in den Top 5, die Tour ausverkauft, und The Weeknd will wissen, wie man solche Musikvideos macht. Noch Fragen? Ja – wer ist dieser Rapper aus Bietigheim-Bissingen?

Verschwitzt und endorphinhigh remple ich durch die Menge, raus, nur raus, zwänge mich an Leibern vorbei, blicke in gläubige, postkoitale Gesichter, und als ich fast draußen bin, setzt noch einmal der Beat ein. „Ich geh raus mit meinen Jungs heute, Baby. Und sie frägt, und sie frägt: Kommst du heute noch zu mir nach Hause mit, Baby?“

Die Reihen schließen sich und ziehen mich nach vorn, der Sog spült mich ins Zentrum des Wahnsinns, aus dem Augenwinkel sehe ich, wie auf der Bühne dieser dürre Derwisch tobt, seine Zöpfe fliegen ihm um den Kopf, dann reißt mich der Moshpit mit.

Wie soll man dieses Gefühl beschreiben? Sex, sagen die Statistiker, dauert im Schnitt 20 Minuten. Das hier geht nun schon eine Stunde so.

Als der Zopf-Mann von der Bühne gegangen ist und ich meine Freunde auf dem Gelände des Festivals in Hamburg wiedergefunden habe, bin ich noch immer glücklich.

„Alter, was war das?“, frage ich meinen Freund Hendrik. „Krasse Energie.“ „Ich war noch nie auf einem Rap-Konzert, das so abging“ , sage ich. „Alles Playback“ , sagt Martin. „Ich fühl da gar nichts. “

Meist weiß ich, ob ich einen Künstler gut finde oder nicht. Bei Rin bin ich mir, trotz des Konzerts, nicht so sicher: Entweder sind Rins Lieder über das Rumhängen mit Freunden und sündhaft teure Klamotten vollkommen egal. Oder sie beschreiben großartig die Egalheit einer übersatten Jugend.

Der Hype um Rin ist riesig. Sechs der fünfzehn Songs seines Debütalbums „Eros“ sind als Singles erschienen, alle wurden millionenfach geklickt. Rin gilt als Star eines neuen Hip-Hop-Stils, der gar nicht mehr so neu ist: Cloud-Rap, ein Begriff so wolkig wie das, was er beschreiben soll. Die Hamburger Trap-Rapperin Haiyti zählen viele dazu, den Wiener Yung Hurn und Rin. Dabei eint die drei nur, dass sie verstanden haben, nie an die Tripletime-Salven eines Kollegah herankommen zu können. Und es auch gar nicht zu wollen. Gefühl geht ihnen vor Technik. Während aber Yung Hurn behauptet, ein Lied wegzuschmeißen, wenn er länger als zehn Minuten dafür braucht, ist Rins Musik ausproduziert. Hingerotzt wirken allenfalls einige Strophen, die Refrains legen sich wie eine Schicht Puderzucker ins Ohr: pathetisch und peinlich und beneidenswert; Jugend eben.

Obwohl Rin mit Yung Hurn schon 2016 den Sommerhit „Bianco“ hatte, ist kaum etwas über ihn bekannt. Er kommt aus Bietigheim-Bissingen, einer 40 000-Einwohner-Stadt nahe Stuttgart. Soll Renato heißen. Dürfte Anfang 20 sein. Seine Eltern kamen als Gastarbeiter aus Bosnien.

Bei seinen Auftritten gibt Rin sich wenig Mühe zu verbergen, dass er nicht live rappt. Ähnlich unverblümt nutzt er Autotune, einen Effekt, der schiefe Stimmen begradigt und sie ins Künstliche verzerrt. Manche nennen Autotune auch den „Cher-Effekt“, weil der Popstar das Stilmittel Ende der 90er mit dem Nummer-eins-Song „Believe“ bekannt machte. Der R&B-Sänger T-Pain holte Autotune vor ein paar Jahren in den Hip-Hop.

Plastikmusik, fand ich damals. Doch als ich daheim Rins Lieder höre, packt mich dieselbe Energie wie beim Konzert. Erst schäme ich mich dafür, weil die Songs so eingängig sind, aber nach wenigen Tagen singe ich jedes Lied mit.

Rin lebt gerade in Ludwigsburg, treffen will er uns aber in seiner Heimat. Bietigheim-Bissingen. An einem Freitagnachmittag, drei Wochen vor der Veröffentlichung von „Eros“ , warten der Fotograf und ich vor der Alten Weinstube. Es regnet. Von den vereinbarten 90 Minuten Interviewzeit sind 30 vorbei, als ein silberner Ford Mondeo hält. „Steigt ein“, sagt Rin, „ich brauch ein neues Macbook-Kabel und was zu essen. “

Er ist ganz in Schwarz gekleidet, die Zöpfe stecken unter der Kapuze einer Windjacke. Wenn er redet, glänzen die Grillz, die seine untere Zahnreihe bedecken. In einer baden-württembergischen Kleinstadt wirkt er so deplatziert wie ein Tränen-Tattoo im Gesicht einer Erdkundelehrerin.

Rin entschuldigt sich für die Unordnung in Papas Auto („richtige Jugo-Karre“) und dafür, dass er schlecht Auto fährt. Er hat noch nicht gefrühstückt. Für das Interview musste er früher aufstehen. Es ist vier Uhr nachmittags. Eigentlich kommt er erst um sechs aus dem Bett.

Vor dem Einkaufszentrum hält er auf einem Behindertenparkplatz. Bei Saturn gibt es nicht das passende Kabel. Dann wenigstens Frühstück. Rin läuft in den Supermarkt. Sein Blick fällt auf die Müslitheke. In einer Reihe hängen Plastikboxen. Amarant, Schokoflocken, Knusper-Beeren-Müsli.

„Entschuldigung“, Rin ruft eine Verkäuferin, „können Sie mich durch den Automat führen?“ Sie schaut ihn an wie ein besorgniserregendes Element. „Sie müssen hier ziehen.“ Die Verkäuferin zeigt auf einen Hebel. Rin sieht sie an. Sie zieht. Nichts passiert. Sie rüttelt an der Box. Zwei Stückchen Müsli fallen in Rins Plastikbecher. Er schaut sie an. „Sie wollen mehr?“ Die Verkäuferin zieht. Nichts. Rin dreht seinen Plastikbecher um und kippt ihn auf den Tisch. „So ist das mit dem Hipster-Scheiß: Nichts funktioniert. “ An der Bäckertheke bestellt Rin ein „Mürbe Körnle“.

Vor der Weinstube warten vier Jungs, Rins Freunde. Sie setzen sich an den Tresen und bestellen Bier; Rin nimmt Wasser und Omelett mit Sucuk und setzt sich in den Nebenraum. Außer ihnen sind nur zwei grauhaarige Trinker in der Weinstube. Rin nimmt seine Grillz aus dem Mund und legt sie auf eine Papierserviette. „Dann stell mal deine Fragen.“

Warum bleibst du hier in Bietigheim-Bissingen?

„Weil es echt ist.“

Echt wie die Weinstube hier?

„Ja. Ich komme seit Jahren jeden Tag hierher. Hier urteilt keiner. Ich sitz hier, da hinten irgendein Alki, jedem egal in dem Moment. Man sitzt und trinkt und hat eine gute Zeit. Das ist es, was alle tauschen wollen gegen den Erfolg. Klar freue ich mich, mit der Musik so viel Geld zu verdienen und meinen Eltern helfen zu können. Aber stolz bin ich eigentlich darauf, dass ich seit 15 Jahren die gleichen Freunde hab.“

Ist keiner von euch nach der Schule weggegangen?

„Wenige. Wir waren halt auch alle Hartzer. In meinem Freundeskreis haben 90 Prozent keine Eltern. Entweder sind die tot oder geschieden. Ich bin fast der Einzige, der Eltern hat, die noch zusammen sind. Meine Freunde und ich, wir sind nicht nur zusammen aufgewachsen, wir haben uns gegenseitig erzogen. Jeder hat das Beste vom anderen gekriegt. Und zusammen sind wir ein guter Mensch.“

Rin macht Jungsmusik. Wenn Baby frägt, ob sie noch mit zu ihm kommen darf, zieht er lieber weiter mit seinen Freunden durch die Nacht.

Warum ist deine Musik so eingeschlagen? Warum funktioniert sie vor allem live so gut?

„Weil ich der Junge war, der jetzt bei mir in der ersten Reihe steht. Wenn ich auf die Ami-Konzerte gegangen bin, war ich der, der kollabiert ist. Kendrick. Chief Keef. Ich bin so oft aus dem Club geflogen, weil ich zu hart ausgerastet bin.“

Warum rappst du dann nicht live, sondern …

„Playback? Sind die Leute wirklich so blöd zu denken, dass ich nicht live rappen könnte? Playback gibt mir eine Gewalt, die live unmöglich ist. Und ich hab ja was gefühlt, als ich das Lied aufgenommen habe. Das ist nie wieder herzustellen. Wenn ich heute ‚Don’t like‘ live rappe: Ich kann es nicht mehr machen wie damals, als ich frisch in diesem Musikdings mit neun Jungs in einem Studio saß und in ein 100-Euro-Mic gerappt habe. Das geht nicht. Es hat nicht dasselbe Gefühl. “

Playback, damit es echt ist? Das ist so verrückt, dass ich es super finde. Ich gebe zu, dass mir Rin immer sympathischer wird.

Warum bist du Rapper geworden?

„Ich bin, ganz arrogant gesagt, immer der Coolste im Freundeskreis gewesen. Aber was machst du daraus? Rap wurde irgendwann mein Hobby. Selbst wenn wir getrunken haben, hatte ich immer einen Kopfhörer drin und hab das Neue von Chief Keef gehört. Im Japangarten hab ich angefangen zu freestylen, gleich in der Nähe. “

Zeigst du uns den?

Rin hat aufgegessen, der Regen nachgelassen. Die Interviewzeit ist um.

„Klar“ , sagt er.

Wir laufen durch die Fußgängerzone, vorbei an Frauen in Regenhosen und Männern mit regenfeuchten Glatzen. Im Hexengässle bleibt er stehen. Links der Gasse läuft ein schmaler Bach, über dem Holzbrücken die Türen der Häuser mit dem Weg verbinden. Hobbit-Land.

„So eins will ich irgendwann kaufen“, sagt Rin und deutet auf ein Fachwerkhaus. „Zuerst brauche ich aber mal eine Wohnung. “ Er sei ja erst ein Jahr wirklich Musiker und die Suche daher schwierig. Ein Kurzzeit-Musiker sei den Vermietern in Bietigheim-Bissingen zu riskant. Deshalb wohnt er im zehn Kilometer entfernten Ludwigsburg und pendelt in die Stadt, von der er in „Doverstreet“ singt, dass er sie nie verlassen wird.

Bietigheim-Bissingen, ein arg kleines Städtchen für einen Rapstar. Rins Lieblingsmarken Supreme und Palace hat das Modehaus Kittel eher nicht vorrätig. Streetwear-Rin in der Deuter-Rucksack-Welt.

Das Beste an seiner Heimatstadt sei, sagt Rin, dass ihn dort niemand auf dem Schirm habe. In Berlin oder Hamburg hätte ihn vielleicht früher jemand entdeckt. Aber womöglich wäre er dort auch unter dem Einfluss eines mittelmäßigen Produzenten ein durchschnittlicher Rapper geworden. In der Provinz konnte er sich ausprobieren. Bekam eh niemand mit. In der Fußgängerzone dreht sich kaum jemand nach Rin um. Dass auf seiner Jacke „Palace“ steht, beeindruckt hier keinen. Um auffällig zu sein, braucht es ein Gegenüber, dem etwas auffällt.

Rin heißt tatsächlich Renato, das verrät er auf dem Weg; seinen Nachnamen sagt er nicht. 23 ist er, Einzelkind. Er besuchte das Gymnasium, bis er flog, weil er, wie er sagt, zu oft ins Casino und zu selten in die Schule ging. Nach dem Realschulabschluss holte Rin die Fachhochschulreife nach. Er studierte drei Semester Medien- und Drucktechnik, aber das Studium langweilte ihn. Also meldete er sich arbeitslos und schob Nachtschichten in einer Chemiefabrik.

Der Japangarten ist nass, trostlos und voller Kindheitserinnerungen. Auf einem Mäuerchen, unter dem die Enz hinwegfließt, saß Rin viele Sommer lang, rauchte und rappte. „Hier habe ich immer gekotzt“, er zeigt auf ein paar Büsche. Rin schmeißt seine leere Wasserflasche in den Fluss. Unter den Bögen eines Viadukts hält er an. Dort, hoch oben über unseren Köpfen, legten sie als Kinder Münzen auf die Schienen, um sie von hinwegbretternden Zügen verbiegen zu lassen.

Von Rins Anfängen lässt sich fast nichts nachhören, nur eine Handvoll Tracks sind bekannt. Erst als 2015 „Ljubav/Beichtstuhl“ erschien, wurden Leute aufmerksam, auch Yung Hurn. Rin kratzte sein letztes Geld zusammen, lieh noch etwas von Mama und kaufte eine Fahrkarte nach Berlin, zu Hurn.

Mit Live From Earth nahm Rin die „Genesis“-EP auf. Er blieb nicht lang bei dem Kollektiv, dem Yung Hurn angehört. Er habe nicht der Typ von Live From Earth sein, sondern es allein schaffen wollen, sagt Rin. Mit Yung Hurn sei er aber nach wie vor befreundet.

Wir gehen zurück. Rin erzählt, dass kürzlich der kanadische Superstar The Weeknd angefragt habe, ob er den Stil des „Blackout“-Videos kopieren dürfe. Nun erinnern die grobkörnigen Wackelbilder zu dessen Song „Some Way“ an den Clip eines Jungen aus Bietigheim-Bissingen.

Während der Fotograf noch ein paar Bilder macht, denke ich darüber nach, warum ich Rin mag. Dass ich ihn mag, ist mittlerweile klar. Mir fallen ein paar Dinge ein.

Rin hat das Beste aus Amerika genommen die Düsternis von The Weeknd, die Sinnlichkeit von Frank Ocean, die Haare von Chief Keef und die Sonnenbrille von Biggie , wenig verändert und sein Logo drangepappt.

Rin ist in einer Abstraktionshöhe unterwegs, in der den einen der Kopf schmerzt und sich anderen der Blick weitet. Eine Line wie „Shawty ist so high und sieht Liebe überall/Nie Liebe von daheim“ erzählt einem entweder gar nichts oder einen Roman.

Der wichtigste Grund ist aber, glaube ich, der: Rin ist kein Kollegah-Übermensch. Er ist ein Junge wie deine Freunde. Er sieht nur etwas besser aus, rappt besser, aber eben nur so viel, dass du dir vorstellen kannst, irgendwann genauso gut auszusehen und zu rappen wie er.

Wir stehen wieder vor der Weinstube. Es wird langsam dunkel. Rin umarmt uns, dann geht er rein zu seinen Freunden. Seine Musik hat, denke ich, was gute Musik immer hat: Sehnsucht.

Rins Sound hat diese Drei-Uhr-nachts-Schwerelosigkeit, du läufst nach Hause, der Rausch hat nachgelassen, die Musik im Club war wieder nicht so gut wie die aus dem Handy beim Vortrinken und die Mädchen so schön unerreichbar, dass man sich nach ihnen sehnen kann, du läufst durch die Dunkelheit und plötzlich geht alles Schwere weg, weil in der Schachtel noch drei Zigaretten sind.