Pforzheim

FAS, 2019

Immer im Februar nervte uns unsere Geschichtslehrerin, weil wir mit ihr demonstrieren gehen sollten. Anstrengend war sie auch sonst, ihre ewige Heimatkunde. Hier in Pforzheim hatte die Synagoge gebrannt. Auf Pforzheim waren Bomben gefallen. Halb Pforzheim hatte für die NSDAP gestimmt, schon 1932, als im Deutschen Reich ein Drittel der Wählenden für die Nationalsozialisten gewesen war.

Zur Demo ging ich nur einmal. In der Kälte stand ich auf dem Marktplatz. Ich hoffte, dass nicht zu viele der Leute ihre gefütterten Schuhe selbst gehäkelt hatten. Aus der Fußgängerzone leuchteten die Dönerläden und Handyshops. Eine fahle Verheißung inmitten der Pforzheimer Betondepression.

Die anderen kamen immer. Jedes Jahr. Hundert, zweihundert Mann. Nachmittags sah man sie in der Stadt, ein fremder, bedrohlicher Phänotyp. Heidnischer Sturm, Berserker Pforzheim. Das waren keine pseudohippen New-Balance-Jungidentitären. Diese Männer hatten Springerstiefel und Köpfe wie Bowlingkugeln. Stiernackenfaltenglatzen. Nazis, direkt und stumpf.

Mit Fackeln zogen sie am Abend über den Wartberg, um an die Bombardierung Pforzheims am 23. Februar 1945 zu erinnern. Eine „ehrenvolle Mahnwache“, um „unseren Angehörigen“ zu gedenken. Der ganze miese Opfermythos. Seit fünfundzwanzig Jahren halten sie ihren Fackelaufmarsch ab. „Unser Dresden“ nennen manche süddeutschen Nazis Pforzheim.

Wenn jetzt wieder die Texte erscheinen, die eine ostdeutsche Seele suchen und in ihr Gründe für den Erfolg der AfD in Thüringen finden, dann muss ich manchmal an Pforzheim denken. Die AfD ist auch hier zweitstärkste Kraft. Man kann es kaum beruhigend finden, dass ihr dafür 14,9 Prozent reichen (die CDU hat noch 19,5 Prozent im Gemeinderat). Bei der Europawahl holte die AfD in Pforzheim 17,7 Prozent – mehr als in Erfurt (16,8 Prozent).

Kürzlich schrieb der Rapper Testo vom Berliner Duo Zugezogen Maskulin im „Freitag“ über sein Aufwachsen in den Nachwendejahren in Stralsund, über die Orientierungslosigkeit und das Machtvakuum, das Neonazis füllten. „Sieg-Heil-Rufe wiegten mich in den Schlaf“ heißt der Artikel. So war es in Pforzheim sicher nicht, nie für mich. Meine Freunde und ich waren Dorfkinder, die mit dem Schulbus „in die Stadt“ fuhren, nachmittags aßen wir dort Döner und kickten gegen Jungs mit italienischen Namen. Das waren die Stärkeren und Cooleren, deren Cliquen die Fußballvereine und, später interessant, die Discos dominierten (einer unserer gleichaltrigen Helden hieß Vincenzo Grifo und spielt heute für den SC Freiburg in der Bundesliga).

Trotzdem war etwas anderes da, etwas, das immer nur kurz in meine Wahrnehmung drang. Die Meldung in der Lokalzeitung: „Neonazi muss nach Hetzjagd ein Jahr ins Gefängnis“. Samt grotesker Nicht-Erklärung des Verurteilten, warum er einen Fünfzehnjährigen verfolgt hatte: „Das muss für Außenstehende wie ein rassistischer Übergriff ausgesehen haben, weil er schwarz ist, und ich mit Glatze und Stiefeln unterwegs war.“

Aber manchmal war wirklich schwer zu sagen, was das war. Einmal im Haidach, einer Hochhaussiedlung mit vielen Spätaussiedlern und Russlanddeutschen, wo die AfD zuletzt 33,3 Prozent bekam, traten sie einen Kumpel ins Krankenhaus. Weil er zu kartoffelig-deutsch war? Links? Einfach ein willkürliches Opfer? Zu Pforzheim, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat und ein Viertel keinen deutschen Pass, gehören seltsame Kombinationen: Ein Stammklientel der AfD sind Russlanddeutsche, und ein Organisator des Fackelaufmarschs ist ein italienischstämmiger Neonazi.

Ihn traf ich einmal. 2013 war das, auf einem Landesparteitag der AfD. Als Praktikant berichtete ich für die „Pforzheimer Zeitung“. Vorn sprach Bernd Lucke, im Publikum saß Silvio C. und unterhielt sich in den Pausen mit AfD-Mitgliedern. Ich hatte keine Ahnung, wer er war, aber der Fotograf erkannte ihn sofort.

Die AfD ist nicht plötzlich zu einer rechten Partei geworden. Und Pforzheim nicht plötzlich zu einer AfD-Hochburg. 1992 wählten dort 18,5 Prozent die Republikaner. In einer alten Zeitschrift las ich vom „braunsten Flecken der Republik“: Gemeint war die Pforzheimer Siedlung Hagenschieß, wo Republikaner und Deutsche Liga sogar auf vierzig Prozent kamen. Die „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber“-Bewohner zitierte der Reporter mit üblen Ressentiments gegen ihre neuen Nachbarn: Russlanddeutsche.

Es ist nicht nur der Osten. Was ist „der Osten“? Leipzig oder Eichsfeld, Hauptsache Sachsen? Niemand käme ja auf die Idee, aus Hannover und Hof eine kollektive Westidentität zu entwickeln, aber falls doch, dann sollte man Pforzheim nicht vergessen.