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Das kleinste Freibad der Welt

DIE ZEIT, 2026

Basel hat mehr als 200 öffentliche Brunnen – in vielen davon darf man im Sommer baden. Will man das auch?

Da sitze ich nun auf der Kante des kalksteinweißen Trogs und lasse im hüfttiefen Wasser die Beine baumeln, als hätte eine Regieanweisung mich aufgefordert, einfach mal die Beine baumeln zu lassen und womöglich gar noch die Seele. Demonstrativ beine- und seelenbaumelnd beobachte ich die paar Eiskaffeetrinker auf der gegenüberliegenden Seite des hitzeträgen Basler Münsterplatzes, als wollte ich nichts lieber tun. Will ich aber. Das ganze selige Baumeln ist bloß Tarnung, um auf diesem aufgeräumten, vor Zufriedenheit strahlenden Angebermünsterplatz unauffälliger Teil der Kulisse zu werden, eine Brunnenstatue.

Klappt wohl. Kein Mensch schaut her. Jetzt könnte ich doch einfach schnell ... Ich müsste doch jetzt nur das klebende T-Shirt ... Zögerlich wie der Konjunktiv hocke ich drei Minuten später immer noch auf dem glatt gescheuerten Stein und wage mich nicht vor, nicht rein.

Das Problem, etwas zu wollen und es nicht zu tun, ist mir bekannt. Dabei wäre es in diesem Fall, wie eigentlich immer, ganz einfach. Ich müsste bloß ein paar Zentimeter auf der Brunneneinfassung nach vorn rutschen und mich ins Wasser fallen lassen, auf das jemand vor mir tatsächlich Rosenblätter gestreut hat, garantiert als höhnische Einladung an mich – du traust dich doch eh nicht! Auch sonst sieht das Wasser herrlich aus, wie es in der Ü30-Grad-Sonne vor sich hin glitzert, klar bis auf den hellen steinernen Grund.

Ich sehe mich noch mal nach der Eis­verkäuferin um, als müsse sie mir die Erlaubnis geben – obwohl ich die schon habe: Der Kanton Basel-Stadt toleriert (wie auch andere Kantone) offiziell das Baden in den meisten seiner vielen opulenten Brunnen. Manche von ihnen stammen noch aus dem Mittelalter, wahrscheinlich reinigte man sich schon damals an und in den Bassins, die oft von Zünften und reichen Bürgern gestiftet wurden. Statussymbole sind die Brunnen bis heute, man ist sehr stolz auf sie, wie auch auf die Tradition des Brunnenbadens – es soll sogar eine Art Volkssport sein. Nun gehöre ich allerdings nicht zum Basler Volk, und toleriert wird auf der Welt bekanntlich vieles: eine Minderheits­regierung, eine Affäre, explosiver Kimchi in Kühlschränken. Ich will nichts sein, was bloß toleriert wird, sondern ein höflicher, gern gesehener Gast. Andererseits ist das Schöne am Urlaub ja auch der Urlaub von sich selbst. Und womit könnte ich Lil Klemmi mich besser expositionstherapieren als mit öffentlichem Brunnenbaden?

Weitere unerwiderte Sicherheitsblicke nach links und rechts. Dann überrumple ich mich, ziehe mir das T-Shirt über den Kopf und platsche rein. Es ist wie erwartet fantastisch. Kühl, nass, das konnte man sich denken. Überraschender kommt für mich, dass man drei, vier Schwimmzüge machen kann, ohne anzustoßen. Etwas ungläubig ziehe ich so meine ersten Bahnen in einem Brunnen. Er heißt Pisoni-Brunnen, was, auf der ersten Silbe betont, einen unguten Beiklang hat, zugleich aber ein Name mit einer gewissen Missoni-Grandezza ist, und die wird diesem neorömisch-antiken Protz­becken gerechter: Entworfen 1784 vom Architekten Paolo Antonio Pisoni, ist es nicht gerade dezent, nirgendwo platz­sparend. Sehr vorausschauend, grazie. Ich paddle zu einem der beiden Wasserspeier, die als Blasrohre aus zwei Steinfratzen ragen, und halte den Mund darunter, um das Basler Brunnenwasser auch auf diese Weise zu testen. Es ist die Schweiz – natürli speist man hier seine Brunnen mit Trinkwasser. Aus dem Basler Dreizackbrunnen fließt zu Neujahr gar das, was in jedem anderen Land eine schlechte Metapher wäre, Wein.

Auch ohne den bin ich schon rundum zufrieden mit mir, wie ich mich überlistet habe. Ohne dass es jemanden auf dem ­dösigen Platz zu irritieren scheint, nach ­einer Weile nicht einmal mehr mich, liege ich in meinem Pisoni-Pool, inmitten der herrlichsten Altstadt aus Kopfsteinpflaster und weißen Fassaden mit aufgeschlagenen Fensterläden, einen Wasserpistolenschuss entfernt vom sandsteinroten Münster. Es ist, als hätte jemand allein für mich ein Aufblasbecken neben den Kölner Dom gestellt, bloß dass das Ding nicht aus Plastik ist, sondern aus Solothurner Kalkstein. Und dass keine Taubenfedern auf dem Wasser treiben, sondern eben Rosenblätter. Und dass es überhaupt keine Tauben gibt, sondern mich nun ernsthaft ein Schmetterling umflattert. Wie es sich für Münster­vorplätze gehört, biegt allerdings bald eine gar nicht endende Reisegruppe ums luxus­restaurierte Eck. Vollverhüllt in weitem Beige, unter Sonnenhüten mit Nackenschutz, trotten sie über den Platz wie ein Betriebsausflug lustloser Imker.

»Da ist ein Mann im Brunnen!«, höre ich eine Männerstimme rufen. Eindeutig ein Deutscher, dem Aufpassercharakter und dem Hochdeutschen nach, und als ich hinschaue, ist da auch schon der Zeigefinger auf mich gerichtet. In meine Richtung sind nun eine ganze Menge Gesichter unter salatschüsselgroßen Hüten gewandt.

Zwei, drei Sekunden passiert nichts. Dann setzt sich die Gruppe wieder in Bewegung und flieht vor meinem see­ungeheuerlichen Anblick in den Schatten der sicheren Münstermauern. Für eine Minute bleibe ich noch drin, aus Stolz. Dann steige ich erst ins praktisch vorge­lagerte Fußbecken, womöglich ist es auch eine Hundetränke, und von dort nach draußen. Angetrocknet von der Sonne, verlasse ich den Platz meiner Heldentat; die Badehose lasse ich an, denn die nächste Badegelegenheit ist in Basel nie weit.

Hier fließt ja auch noch der Rhein. Und deswegen gingen eigentlich nur kleine Kinder in Brunnen, hatte mich ein Kollege gewarnt. Ein anderer Schweizer Freund, der lange in Basel gewohnt hat, hatte noch nie von dem Volksvergnügen Brunnenbaden gehört. Tatsächlich kam mir nach der Ankunft auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel beim ­Anblick der ersten sehr würdevollen, sehr menschenleeren Brunnen der Verdacht, einer smarten Marketingaktion aufgesessen zu sein – Basel, die Stadt der ­Brunnenbader, wo Wein und Trinkwasser aus Brunnen fließen! Mehr als 200 öffentliche Becken gibt es, regelmäßig werden sie gereinigt, was, von Berlin aus betrachtet, völlig fiktiv erscheint.

In einem für Basler Verhältnisse mittelmäßigen, also noch immer sehr vorzeigbaren Exemplar finde ich nach meinem Solo-Bad dann endlich andere Badende, sogar erwachsene. Zwei australische Studentinnen und ein Kolumbianer mit Schnurri sitzen in einem runden Trog auf einem Sockel, wie in einer großen Eisschale. Da der Brunnen offenbar keinen Namen hat, möchte ich ihn Fontana di Piazza Damatti nennen, denn er steht auf einem Plätzchen vor der Kleinbasler ­Damatti-Bar, in der schönsten schläfrig-italienischen Piazza-Stimmung. Neben den drei Badenden kühlt im Wasser der Weißwein, und nicht nur deshalb finden sie das alles – die Brunnensache, Basel (klingt bei ihnen sympathisch nach basil), Europe – fantastic, man.

Im Rhein waren sie natürlich auch schon, aber da trinkt es sich nicht so bequem. Je näher ich dem Fluss anschließend komme, umso mehr wird die Stadt eine einzige Badeanstalt, da hatte der Kollege recht. Doppelköpfige Wesen treiben im Fluss, mit einem menschlichen Kopf und einem zweiten, einem pinken, gelben oder türkisfarbenen Ball, dem Wickelfischli. Der heißt so, weil man darin alles, was trocken bleiben soll, einwickelt und weil jede gute Sache noch besser wird, wenn man ein i dranhängt, das butterweiche Gipfeli etwa. Und wenn in der sommerlichen Warteschlange vorm Bäcker nicht mindestens ein mahagonibrauner Mann in Badehose oder eine Frau mit dunkelfeuchten Haarspitzen steht, dann ist man gewiss nicht in Basel.

Angesichts all der tiefengebräunten Gelassenheit, die mir ständig begegnet, wundere ich mich kurz, ob ich bis Italien durchgefahren bin. Aber nein, das muss einfach der Vergleich mit Berlin sein und etwas, das man dort nur als routinierte Beschwörung kennt: intakte Infrastruktur. In Basel halten lächelnd Radlerinnen auf der Radspur an Fußgängerüberwegen, und klimatisiert steigt der Basler aus dem Elektrobus statt aus einer aufgeheizten U-Bahn. Macht vielleicht doch was mit einem.

Meine nächste Brunnenbekanntschaft sind zwei zugezogene US-Baslerinnen, die sich im St. Urban-Brunnen verabredet haben, oberhalb des sehr großbürgerlichen Großbasler Rheinufers mit dem knapp 350 Jahre alten Grandhotel Les Trois Rois. Mit kalifornischer Offenheit und Schweizer Siez-Höflichkeit werde ich von einer der tropfnassen Baderinnen, die sich gerade in Handtücher wickeln, eingeladen: »Sie können uns alles übers Brunnenbaden fragen.« Ach so, gern. Wie kamen die beiden dazu, was mögen sie daran, und warum sind sie nicht im Rhein? Sie sei aus der Gegend von Stanford, erzählt Stephanie Hoffman, dort steige man auch in Brunnen, und als sie vor sieben, acht Jahren nach Basel gezogen sei und hier Leute brunnenbaden gesehen habe, habe sie gleich wieder damit angefangen. Es sei ein besonderer Raum, öffentlich und zugleich intim. »Im Brunnen sitzt man ja im Rund und schaut sich in die Augen.«

Sehr öffentlich, möchte ich einwenden. Das whirlpoolgroße Becken, aus dem die beiden gestiegen sind, hat zwar einerseits sogar Rheinblick durch eine Nische zwischen zwei Häusern; auf der anderen Seite führt jedoch eine innerstädtische Straße am deshalb sehr urbanen St.-Urban-Brunnen vorbei, die fröhlich befahren und gepresslufthämmert wird. Mitten in der Stadt im Badeanzug, haben die beiden keine Scheu, wie ich? Nee, es sei ihr bloß einmal unangenehm gewesen, sagt Hoffman; als sie schwanger war, da hätten Touristen sie mal im Brunnen fotografiert. Aber die Basler? Die seien doch an Menschen in Brunnen gewöhnt.

Mit einem, Pardon, waschechten lokalen Brunnenbader bin ich dann am Spätnachmittag am Schöneck-Brunnen verabredet, einem besonders majestätischen Trog auf der Gabelung zweier unverschämt putziger Gassen. Gerade bringt ein halbes Dutzend Kinder den Brunnen begeistert zum Überschwappen. Ich bin ganz froh, dass ich mich nicht als unbegleiteter Volljähriger zu ihnen in ihr Planschbecken setzen muss. Neben mir steigt Quirin Streuli ein, was ein guter Künstlername für einen Schweizer Liedermacher wäre, der Streuli auch irgendwie ist, neben vielem anderen wie: Theater­dramaturg, Trockenbauer, Hörspielmacher und Mitglied des Kollektivs Hotel Regina. Die Mitglieder dieser Gruppe hatten vor zehn Jahren, damals noch an der Kunsthochschule, eine »Bieridee«. Sie fragten sich, was man sich in Basel eben so fragt: Können wir einen Brunnen heizen?

Es zeigte sich: Sie können. Mit einem selbst gebauten Gefährt – halb Liegerad, halb Durchlauferhitzer – beheizen sie im Winter seither wechselnde Brunnen, damit man auch bei Kälte noch darin baden kann. Sich öffentlichen Raum zu nehmen, ihn anders zu nutzen als vorgesehen, habe etwas Subversives, sagt Streuli. Was als Guerillaaktion begonnen hat, klingt im zehnten Jahr allerdings beinah nach einem Thermalbadbesuch: Vor dem in der Winterkälte dampfenden Brunnen warten eine Rezeption, eine Umkleide, ein Badehosenverleih und eine Dusche. Streuli und die anderen Heizer ­bekommen um die 30 Franken Stundenlohn aus diversen Fördermitteln. Ach, du liebe Schweiz.

Wie nun ein VW E-Bulli über den Kopfstein an uns vorbeisurrt, wie drei junge Männer in Handwerksmontur sich auf die Brunnenwand setzen und ihre Bierdosen knacken, wie zwei ältere Damen im Mehrgenerationenbrunnen stehend über ihre Kinder klagen (»Das macht das Leben in den Bergen«) und dazwischen immer wieder eine neonorangefarbene Flitschscheibe übers Wasser auf uns zuhüpft, stellt sich dann schon die Frage: Lässt man in Deutschland nicht noch Steine übers ­Wasser hüpfen? Anders gefragt, ginge das alles hier – die öffentlichen Sprühnebel­kühler am Rheinufer, die öffentlichen Trinkwasserspender, die öffentlichen Brunnenpools – nicht auch einige Kilometer weiter nördlich, wo man dieser Tage mal wieder schicksalsergeben über Hitzetote spricht?

Die Frage bleibt mir im Hinterkopf, während ich durch die sommerferienfriedliche Stadt flaniere, wo zu jeder Tageszeit irgendwer Apéro zu machen scheint. Immer mal wieder drängt sie nach vorn – ach so, das ist hier ein betreutes Männerwohnheim, in erster Reihe am Rheinufer? Ich weiß, selbstgeißelndes Vergleichen ist eine deutsche Tugend, gern auch mit der reichen Schweiz. Deshalb hier nur noch ein letzter Vergleich, für den Fall, dass mal wieder alles auf »Die sind wirtschaftsliberal und lassen keine ­Migranten rein« hinausläuft: 2,1 Prozent ihres BIP nimmt die Schweiz laut OECD mit Erbschaft- und Vermögensteuern ein, in Deutschland sind es nur 0,9 Prozent.

Ich lese diese Zahlen, wo sonst, in ­einem Brunnen. Einem hervorragenden Brunnen, in dem ich wiederholt bade; knietief, zwei Badewannen groß, gleich oberhalb des Rheins, nicht weit von der Johanniterbrücke. An einer Straße zwar, aber nachdem mir aus der vorbeifahrenden Straßenbahn bloß mal ein hochgestreckter Daumen gezeigt wird, gewöhne ich mich auch daran, bin gar etwas stolz auf meine Raumnahme. Inzwischen steige ich fast hemmungsfrei in Brunnen in Parks, Hinterhöfen und Häusernischen – ja, ein ungeahnter Teil von mir ist bald enttäuscht, wenn ein Brunnen nicht auch ein wenig exhibitionistischen Thrill verspricht. Das Becken an der Johanniterbrücke hat keine Namensplakette und ist auch nicht auf Maps zu finden. Ein Barkeeper empfahl es mir, er gehe gern mal nach der Arbeit in einen Brunnen mit ­einem Feierabendgetränk »sponti rein«, was gebe es Besseres?

Ja, das frage ich mich auch, in meiner letzten, makellosen Basler Sommernacht. Im dunklen Rhein spiegeln sich die Lichter; irgendwoher kommt Gelächter und noch ferneres Rufen. Wenn ich tief genug in den namenlosen Brunnen tauche, verdeckt seine Kante genau die Uferpromenade, und ich liege in einem Infinitypool.