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Mit zwei Promille und 200 Sachen auf der Flucht vor der Moralpolizei

DIE ZEIT, 2026

Rap und Schlager, Koksnase und Kernfamilie, eiliger Trachten-Sex und ewige Treue: Tream bringt all das unter einem Bierzelthimmel zusammen. Wie politisch ist sein Partyprogramm?

Auf seinen Konzerten erhebt Deutschlands selbst ernannter erster Schlagerrapper das Weißbierglas, aber auch soziodemografische Umfragen. »Wer ist aus der Stadt?«, fragt Tream dann, wie Mitte August auf dem Münchner Königsplatz, in die Reihen vor der Bühne. Es sind an diesem Sommerabend, wie eigentlich immer bei Tream, sehr viele Reihen, um die 20.000 Menschen. Zusammen können sie sehr laut buhen und pfeifen, was sie nun zeigen. »Wer ist aus der Kleinstadt?« Vereinzelte Buhrufe, dazwischen Gelächter, als müsse erst geklärt werden, ob der Ort, aus dem man kommt, schon als Kleinstadt gilt. »Wer wohnt in Höhlen und Feldern?« Vielleicht sagt Tream auch »Wäldern«, das Wort wird schon vom Jubel übertönt. Lauter wird die Zustimmung nur noch bei der Frage, wer hier Alkoholiker sei.

An der Zusammensetzung seiner Fans könnte es liegen, dass Tream einer allgemeineren Öffentlichkeit weniger bekannt ist als andere Musiker mit ähnlichem Erfolg. Ob in Dresden, Hannover oder Regensburg, Tream spielt vor Tausenden. Die Münchner Olympiahalle war mal an drei Abenden in Folge ausverkauft. Er hat Songs mit dem Schlager-Altstar Heino und dem Rapper Finch veröffentlicht, dem einzigen Ostdeutschen, der mit seinem Ossi-Sein noch mehr TikTok-Teens begeistert als Ulrich Siegmund. Fast unnötig, zu erwähnen, dass Treams diesjähriges Album mit dem Titel »Stammtischparolen« Platz eins der deutschen und österreichischen Charts erreichte.

Seinen Erfolg feiert Tream mit animierender, sofort eingängiger Bierkönigmusik – teils Ikkimel, teils Ikke Hüftgold. Da werden ewige Mitgröl-Melodien recycelt, dass die Glaswände in den Büros der Lizenzanwälte wackeln. Tream verehrt Falco, mit dem er die Lust an Provokation und Schneegestöber zu teilen scheint. Etwaige Restansprüche an so etwas wie guten Geschmack werden unter einem Bauchklatscher begraben. »Ich bin ’ne Wildsau, Baby«, bekennt das lyrische Ich und folgt, in einem anderen Song, hypnotisiert einem hochgeschnürten Dekolleté hinters Festzelt, dort wird »ihr Dirndl aufgerissen, danach ’ne Schachtel Kippen«.

Spitzfingrig könnte man noch einige »Wampe/Schlampe«-Reime aus Treams Werk heranziehen, die ihn klingen lassen wie ein antifeministischer Ein-Mann-Backlash. Und vielleicht ist er das auch. Womöglich braucht es im Schlager und im Rap aber sowieso keinen Backlash, weil aus beiden Genres die Hasen und Bitches nie verschwunden waren und sich daran außer ein paar Moralisten auch niemand stört. Auf dem Königsplatz sieht man Väter, die in die Videos ihrer aufsichtspflichtigen Töchter hineintanzen, etwas zu lässig, um lässig zu wirken, während Tream auf dem Bühnenboden liegt und die Ballermannsängerin Mia Julia im minimalistischen Cowgirl-Kostüm auf ihm herumhüpft. Hingebungsvoll singen dazu Pärchen, eine Hand auf der Brust: »Meine Maus, du musst endlich versteh’n / Nach einer Nacht tut dir dann alles weh«. Lustig und rührend ist das, besonders wenn die angesungene Maus 1,98 Meter groß ist.

Seine Fans hat Tream offenbar vor allem im dünn besiedelten Paralleluniversum des ländlichen Raums – dieses viel beschworenen, fast mystischen Orts, an dem die normalen unzufriedenen Leute leben. Abkürzungen wie Kirwa (Kirchweih) und FFW (Freiwillige Feuerwehr) sind wichtiger fürs Verständnis der Songtexte als ACAB. Tream singt von »Tradition statt Neu-Berlin« und schwört: »Das nimmt uns keiner weg wie unser’n Dialekt.« Was die Frage nahelegt: Wer will ihm und den Leuten denn etwas wegnehmen?

Das Heimatdorf von Timo Grabinger, wie Tream mit bürgerlichem Namen heißt, sieht erst mal gar nicht so blau-weiß hingetupft aus wie das Bayern, das er besingt. Die Heimat ist wohl wie so oft ein Sehnsuchtsort. An diesem Mittag ist noch nicht mal eine Kuhglocke zu hören. Tream kommt aus Büchelkühn, einem 1.000-Einwohner-Ort in der Oberpfalz, wo wegen der Berühmtheit des stolzen Dorfkinds so viele Ortsschilder verschwinden, dass man sich gezwungen sah, die Schilder neu zu designen. Der Ortsname steht nur noch klein drauf und größer Schwandorf, zu dem Büchelkühn gehört. Die Familie Grabinger betreibt hier den 200 Jahre alten Gasthof. Dessen Einfahrt ist mit bayerischem Karo beflaggt und mit Tream-Bannern, auf denen er sein Weißbier präsentiert, das er mit der Brauerei Schneider Weisse vertreibt. (Firmenchef Georg VII. Schneider – so heißen in Bayern die Bierbrauer – attestiert dem Tream-Bier hohe »drinkability«.)

In einem T-Shirt mit regenbogenfarbener »Servus«-Aufschrift öffnet Reinhard Grabinger, Treams Vater, die Tür und bittet in den Schankraum. Im Halbdämmer löffelt einer von Timos jüngeren Brüdern Suppe. »Wollen S’ auch a Nudelsupp’n?«, erkundigt sich Grabinger senior. Auf den Stühlen stehen Plastikboxen voller Autogrammkarten, unterteilt in schon unterschrieben und noch blanko. Der Familienbetrieb Grabinger ist nicht mehr nur eine Gastwirtschaft, sondern auch ein Tream-Unternehmen. Ein anderer Bruder dreht die Videos, die Stiefmutter macht die Finanzen. Irgendwann soll Tream, der gelernter Koch ist, das Hotel übernehmen, in fünfter Generation.

Als er dann kommt, gibt’s erst mal einen sachten Rüffel vom Vater, wo er denn bleibe, dabei ist der Sohn noch drei Minuten zu früh. »Mein Papa hat immer gesagt: Was sind die vier wichtigsten Dinge?«, erklärt Tream dann im Wintergarten: »Grüß Gott, auf Wiedersehen, danke und bitte. Dass man gewisse ... fuck, wie heißt das Wort jetzt wieder?« Er muss über sich lachen, weil ihm das nicht einfällt. Ach ja: Manieren. »Dass man Manieren hat und gastfreundlich ist, das stand hier im Wirtshaus immer an erster Stelle. Dass man den Menschen in die Augen schaut und mit jedem, egal, wer er ist, gleich umgeht, das ist ja eigentlich das Wichtigste im Leben. Diese Werte vertrete ich, und ich bin dankbar, dass ich sie mitbekommen habe.«

Tream spricht oft von seinen Werten, und er sagt auch andere efeuumrankte Wörter, die aus dem Mund vieler 27-Jähriger nicht so selbstverständlich kämen und klängen: Treue, zu Familie und alten Freunden, Bodenständigkeit, Verantwortung, Glückseligkeit. In ruhigeren Songs besingt er sich und seine Dorfjungs. Und er, das Scheidungskind, sagt, »dass man eine Riesenverantwortung hat, wenn man Kinder macht, und dass man sich tausendmal Gedanken machen sollte, bevor man sich scheiden lässt«.

In dieser Feier von Loyalität und Familie treffen sich Rap und Schlager zu einem harmonischen »Wir gegen den Rest der Welt«, das sich eine Trachtenträgerin mit Hefezopffrisur genauso eintätowieren lassen kann wie ein auf null rasierter Rapper. Was tun Anis und Aykut, die Söhne alleinerziehender Mütter, zuerst, sobald sie zu Bushido und Haftbefehl geworden sind? Sie kaufen ein Haus für ihre Mutter, heiraten und ziehen mit Anna-Maria oder Nina raus ins Eigenheim, wo die Frau bei den Kindern bleibt, egal wie lange der Mann in welchem Loch auch immer versumpft.

Das vermeintlich einfache Leben – Familie und Heim, Gartenfeste und Italienurlaube mit Freunden – wartet auch am alpensonnigen Horizont von Treams Liedern; vorher bloß noch ein paarmal mit den Jungs steil gehen. Timos Traum, dafür steht Tream, ist natürlich ein verbreiteter, womöglich fast universeller. Dennoch ist es kein Zufall, dass ausgerechnet einige Videos aus dem AfD-Umfeld mit seinen Liedern unterlegt worden sind, sodass Tream erklären musste, seine Musik sei unpolitisch und blaue Herzen stünden bei ihm nur für Bayernliebe. Kann man gegen solche Vereinnahmung nichts tun? »Doch«, sagt er: »Man kann es untersagen, und das habe ich auch gemacht.«

Von Treams Strahlkraft als Landjugendidol, seinem Image als Wirtshaussohn, der frei von der strapazierten Leber weg spricht, profitieren auch andere. Vor Kurzem hat ihn ein CSU-Landrat zum Botschafter Schwandorfs erklärt. Tream äußert sich nicht explizit über Politik. Auf Konzerten hat er sich allerdings gegen Rassisten und Rechtsradikale ausgesprochen, ohne im selben Satz auch vor Linksradikalen zu warnen, was nicht jeder Unionspolitiker schafft. »Wenn jemand ein anderes Geschlecht liebt, ist das genauso geil, wie wenn er dasselbe Geschlecht liebt«, ruft Tream auf dem Königsplatz. Seine Aufzählung, ob »Mann, Frau, divers, divers, Elefant, Frau«, sei vollkommen egal, befreit sein Statement allerdings nicht ganz vom Verdacht der Pflichtschuld.

Tream bleibt anschlussfähig für eine breite Masse. Eine Liedzeile wie »Scheiß auf moralisch, unter 200 spür ich keinen Fahrtwind« könnte ihre Lebensphilosophie sein. Frei von Politik sind seine Texte nicht; an einzelnen Stellen wird eine »woke Bubble« beklagt oder gar der hohe Strompreis. Eine Tream-Zeile wie »Wer hat in der Wampe hundert Hektoliter?« kann sich auch reimen auf: »Wer wird gecancelt von jedem zweiten Westberliner?«

Auf die Frage, ob Diskurswächter aus der Hauptstadt nicht eher Phantomfeinde seien, sagt Tream: »Es gibt auf jeden Fall eine Moralpolizei. Die wollte mich auch schon loswerden.« Er erzählt von einem bekannten Musikmanager, der öffentlich über »Typen in Lederhosen« hergezogen und versucht habe, Tream in ein »politisches Eck« zu rücken. Einen anderen Fall, der heute nur noch in Reddit-Foren nachzuverfolgen ist, reicht später Treams Manager nach: Der Berliner Rapper Ritter Lean hat demnach auf Festivalbühnen ohne Beleg behauptet, unter Treams Fans seien Nazis und Sexisten; später distanzierte sich Ritter Lean von seinen Aussagen.

Hat Tream auch im Alltag den Eindruck, dass man ihn seiner Herkunft wegen verdächtigt? »Es gibt schon Sachen, die ich mir anhören musste wie: Du Bauer.« Nach seiner Kochlehre hat er kurz Musikbusiness in München studiert: »Wenn man da mit Dialekt spricht, ist man gleich mal eine Stufe runtergestellt.«

Auf Treams Konzerten wird der Dialekt gefeiert und auch der Bauer. Tream fragt zudem nach Metzgern und Maurern im Publikum und lässt sie bejubeln. Er ist ein integrativer Showmaster. Nach einem Duett mit ihm beendet die Schlagersängerin Blümchen auf dem Königsplatz ihre Bühnenkarriere und bekommt zum Abschied ebenso ihren Moment wie dann der Rapper Gzuz, den zum Finale ein Hebekran in den Nachthimmel fährt. Wie ein guter Wirt empfängt Tream seine sehr unterschiedlichen Gäste gleichermaßen offen und interessiert sich nur partiell für ihre Vergangenheit.

Dass Gzuz unter anderem Schläge verteilt und einem Polizisten »Heil Hitler« zugerufen hat? »Echt? Davon wusste ich nichts«, sagt Tream im Hotel Grabinger und klingt glaubwürdig betroffen. Irgendwas von Waffen und Drogen habe er gehört und davon, dass Gzuz mal einen Schwan geohrfeigt hat. Aber dafür habe Gzuz sich ja auch entschuldigt, und der sei wohl kaum stolz darauf. »Ich habe ihn als den Menschen kennengelernt, der er jetzt ist, bodenständig und liebenswert. So nehme ich ihn.« Alles, was der Nationalsozialismus gemacht habe, sagt Tream, lehne er jedenfalls ab, »zu tausend Prozent«.

Eine letzte Frage, auf die Gefahr hin, nach Berliner Moralpolizei zu klingen: Wie ist die eine gewisse roughness implizierende Zeile vom Dirndl, das hinterm Bierzelt »aufgerissen« wird, zu verstehen? Das beschreibe einen schönen, einvernehmlichen Abend für beide, sagt Tream mit liebstem Lausbubengesicht. »Wenn die outdoor die Natur genießen, und dann bleibt sie mit dem Dirndl ’n bissl im Rosenbusch hängen, aber die haben da ihren Spaß und wollen das beide: Ey, das ist doch denen überlassen.« Wenn man in einen Halbsatz »jetzt wieder was reininterpretiert«, finde er das schade. Sexuelle Übergriffigkeit lehne er absolut ab.

Null angesäuert von nervigen Fragen bietet Tream an, einen zum Bahnhof zu bringen. Also, »die Person, die mir aktuell am nächsten steht«, wie er sie nennt, müsse fahren, er hat gerade keinen Führerschein. Bis sie kommt, raucht er noch eine Zigarette aus Papas Schachtel – Tream setzt eher auf shortevity. Seine einzigen vertonten Gesundheitssorgen sind die vor Leberschaden und Bänderriss. Ab und zu läuft er noch für den SV Büchelkühn auf. Ein Tream-Trikot ist denn auch das beliebteste Konzertoutfit auf dem Königsplatz. Oder eine Eigenkreation davon, mit Aufschriften wie Bieroslav Dose. Wir reden übers Oktoberfest, auf dem er – der bei seinem Auftritt in München als bayerischer König verkleidet aus einem Bierfass emporstieg – noch nie gewesen ist. Zu groß, zu viel Gedrängel, »da würde ich den Affen kriegen«.

Als die ihm nahestehende Person im BMW vorfährt, hat sie frisch gebackenen Zwetschgendatschi dabei. Auf der Fahrt geht es um Hunde, Treams Schäferhund ist kürzlich in seinen Armen gestorben. Nun wollten sie einen Rottweiler. Mal sehen, ob Männchen oder Weibchen. Für eine Millisekunde scheint im Wageninnern die Frage zu schweben, ob er das jetzt wirklich sagen wird. Dann sagt er es: »Das ist bei den Hunden wie überall: Die Hündinnen sind immer die Chefs. Oder, Schatz?«