Tik Tok, Teens

FAS, 2018

Wenn ich nachhause laufe, muss ich durch einen Park, in dem zu praktisch jeder Uhrzeit Klassenfahrts-Teenager aus einem nahen Hostel rumsitzen, rauchen und Billigwodka aus Plastikbechern weglitern. Kürzlich blieb ich abends bei einem Grüppchen stehen. „Hi“, sagte ich möglichst lässig. „Darf ich mich zu Euch setzen?“

Die Gruppe verstummte. Ein Smartphone, in einen Plastikbecher gelehnt, erzeugte ein furchtbares Autotune-Geplärre. Die Jungs und Mädchen schauten mich mit dem Trotzblick an, mit dem Teenager alles anschauen, insbesondere besorgniserregende Elemente wie Erwachsene. Ultra langsam fragte eine: „Sind Sie betrunken?“

Ja, so sind sie, die Teenager hoy día. Hatten noch keinen Kater, aber machen mit einem Blick Alkoholtests. Eigentlich, dachte ich, als ich die Haustür aufschloss, hatte ich keine Ahnung, wie Teenager sind.

Uns trennen nur ein paar Jahre, aber mir ist alles unverständlich, was Jugendliche angeblich gut finden. Ihr Musikgeschmack (187 Straßenbande) quält jeden, der mit dem lustigeren, asozialeren Rap von Aggro Berlin aufgewachsen ist. Ihr Kleidungsstil (Buffalo-Plateau-Schuhe) verhöhnt alle Neunzigerjahre-Kinder, indem er sie daran erinnert, mit dem Quatsch angefangen zu haben. Ihre „Lit af“-Anglizismen sind eine Sprachvergewaltigung, für die man noch dankbar sein muss, weil sie sonst ganz ohne Gesprochenes kommunizierten, nur mit Emojis und GIFs.

Wo sie kommunizieren, ist das nächste Rätsel. Nicht auf Facebook, da teilen Mittvierziger irgendwas über Arbeit oder Urlaub. Auch nicht auf Instagram, da posten Mittzwanziger, zum Beispiel über ihre Arbeit im Urlaub. Snapchat interessiert Teenager auch nicht mehr.

Als ich rumgoogelte, fand ich eine mir unbekannte App, die in manchen Monaten öfter heruntergeladen wird als Instagram und Facebook. Tik Tok, ein chinesisches Kurz-Video-Portal, ist als Douyin vor allem in Asien bekannt, breitet sich aber auch in Europa aus. Nutzer teilen fünfzehn Sekunden lange Videos, die sie in der App mit Musik und Filtern versehen. Näher brachte es mich der Spezies Teenager nicht, ihre Vertreter dabei zu sehen, wie sie als Robben über den Boden kullerten, SXTN-Songs synchronisierten und in seifegetränkte Wattepads pusteten, um Schaum zu erzeugen. Aber es faszinierte mich, aus demselben Grund, weshalb ich mich gern zu den Teenagern im Park gesetzt hätte. Soziologisches Interesse. Was tut ihr da – und, bitteschön, warum?

Vielleicht gilt fürs Rumhängen auf Tik Tok dasselbe wie fürs Trinken im Park. Gute, alte Erwachsenenprovokation. Wie soll man Eltern mit Kreativberufen ärgern, die ihr Kind auf dem Elektroroller zum Zeichenunterricht bringen, damit es mal Graffitikünstler wird oder anderen Sinn findet im Leben? Indem man Stunden am Smartphone nach dem trashigsten Katzenohren-Effekt sucht.

Ich verabscheute es, aber ich kam kaum los von Tik Tok. Die Kürze der Videos, ihre Cliffhanger, die Überraschung, welcher Clip als nächster kommt – Gnade, wenn diese Teenager alt genug sein werden, die fiesesten Sucht-Serien aller Zeiten zu produzieren. Dann bleibt nur der Trost, dass sie mal Buffalo-Plateau-Schuhe getragen haben.