Mit dem Maybach durchs Weltall

FAS, 2020

Wie macht man zukünftige Musik, wenn da keine Zukunft ist? Yung Kafa und Küçük Efendi hängen zwischen Hedonismus und Depression, zwischen Deutschrap und einer Schwerelosigkeit, die nichts mehr mit Rap zu tun haben will

Wie klingt die Zukunft? Auch vergangen. Sogar »futuristische« Popmusik ist automatisch nostalgisch, weil sie sich in hohem Maß an Popkultur aus der Vergangenheit bedient. Der Sänger Frank Ocean zum Beispiel, er verehrt Prince, sammelt alte BMW, und seinen Namen gab er sich in Anspielung auf den Gaunerfilm »Ocean’s 11« – das Original von 1960 mit Frank Sinatra, nicht einmal das in jeder Flugzeugmediathek verfügbare Remake. Innovation im Pop ist unvorstellbar geworden, Neues entsteht bloß noch aus der Kreuzung alter Genres zu Subgenres mit zu langen Namen (Emo-Soundcloud-Rap): Die These stellte der britische Kritiker Simon Reynolds auch schon 2011 auf. Popmusik diagnostizierte Reynolds eine »Retromanie«, aus der Suche nach Neuem sei eine Infinityschleife aus Remakes und Revivals geworden.

Wie viel Spaß hätte Reynolds momentan an Deutschrap. Aus einem Genre, das noch vor fünfzehn Jahren gesungene Refrains als »schwul« verdächtigte, ist ein Genre geworden, in dem mehr Rapper singen als rappen. In den letzten Jahren hat Rap so gut wie jedes Genre eingemeindet, Indie-Rock (Casper), Dancehall (Trettmann), den minimalistischen Elektropop des Briten James Blake (Tua). In den Vereinigten Staaten sind einer der erfolgreichsten Countrysänger und der größte Grunge-Rocker der letzten Jahre ihrem Selbstverständnis nach Rapper (Lil Nas X und der verstorbene XXXTentacion). Die einst von der Hiphop-Polizei strengbewachte »Realness« ist maximaler musikalischer Offenheit gewichen. Rapperin ist, wer Rapperin sein will. Diese Art Fremdblutdoping ließ Rap leistungsfähig bleiben, mehr als vierzig Jahre nach der Entstehung wird kein Musikgenre öfter gehört.

Doch was für Rap neu ist, und für einen Teil seines immer jungen Publikums wahrscheinlich wirklich nie zuvor gehört, ist in vielen Fällen Jahrzehnte alt. Die desillusionierten Wutausbrüche mit Gitarren, die der 1998 geborene XXXTentacion scheinbar hinrotzte, klingen so, dass sie auf einem Nirvana-Album in den Neunzigerjahren nicht aufgefallen wären. Als Musik-Wikipedia eröffnet Rap den Spätergeborenen Zugänge zu vergangenen Genres und in seine eigene Vergangenheit.

Zu was für einem Nostalgieprojekt Rap geworden ist, lässt sich in Deutschland gut beim schwäbischen Kleinstadtrapper Rin nachhören. Auf seinem letzten Album »Nimmerland« (ein Zitat des Peter-Pan-Films »Hook« von 1991) coverte Rin den Echt-Klassiker »Du trägst keine Liebe in dir« für eine Reise in den Indiepoprock – bloß um im nächsten Song seinen Kindheitshelden Jay-Z mit dem Rap-Klassiker »Dirt Off Your Shoulder« zu samplen. Wenn Rin seine Traumfrau besingt, dann heißt der Song nicht nach dem Model Gigi Hadid oder der Schauspielerin Úrsula Corberó, sondern »Monica Bellucci« wie der gut doppelt so alte Schauspiel- und Model-Star aus Italien. Rins Konsumsoundtrack zehrt von der Vergangenheit, man trägt nicht Saint Laurent, nein: »Vintage Yves Saint Laurent«.

Dementsprechend sollte es einen nicht wundern, wenn der futuristischste Rap im Moment zugleich eine tiefe Nostalgie hat. »Wird 2070 endlich Pflichtlektüre in der Schule sein« oder »Aus dem Jahr 2136 zu uns gefallen«: Das sind typische Kommentare auf Youtube unter Videos des Rap-Duos Yung Kafa und Küçük Efendi. Wobei Rap hier heißt, dass zwei Männer mit hohen, verzerrten Stimmen singen wie nicht ausgebildete Opernsänger im Weltall. Zu verstehen ist maximal die Hälfte, und die ergibt bloß manchmal Sinn. »Hmm, Maserati-Talk, hmm, John-Gotti-Walk / Hmm, Fendi1-1-1, hmm, Kafa Bey, yey, yey, yeah / Hmm, Prada Abi, hmm, Kamikaze / Hmm, hey, yeah, yeah, yeah« geht so ein Refrain (»Prada Abi«), der gelesen wie gaga Markengeprolle klingt und gesungen nach dem Gegenteil: Mit hochgezogener Stimme werden die Markennamen weggenuschelt, genauso monoton wie die Füllwörter, ob jaja oder Prada: egal, am Ende alles nichtssagende Geräusche. Traurige Schwerelosigkeit zieht sich durch die Songs, die an den Depressiv-Hedonismus des R&B-Stars The Weeknd erinnert und an den nostalgischen Synthwave-Soundtrack von »Drive«. Super Musik, um durch Sommernächte zu fahren.

Vor drei Jahren, Ende August 2017, stellten Yung Kafa und Küçük Efendi eine Videocollage auf Youtube. Werbeclips der Maybach-Limousinen wechselten mit Bildern absurder Diamantensammlungen, Gemälden klassischer Malerei und Handyvideos im Hochformat, dazu erzählte eine verträumte Kopfstimme von der Einsamkeit des Luxuslebens. Mit »Diamonds«, bis heute ihr größter Hit, fanden Yung Kafa und Küçük Efendi zu ihrer Collagetechnik, die sich an im Internet Vorgefundenem bedient und die Motive anders arrangiert. Da treffen Absperrbandszenen aus Polizeiserien auf David Letterman auf Ganzkörperoutfits von Gucci. Während ihr erstes Video noch aus realen Aufnahmen bestand, leben die Kunstfiguren Yung Kafa und Küçük Efendi seither in einer animierten Comicwelt wie die Gorillaz des Blur-Sängers Damon Albarn. Das Instagram-Profil, die Cover und die Videos: Das Duo hat sich eine Zeichentrickästhetik gegeben, inspiriert von Anime-Filmen und Kindheitsserien. Im Gegensatz zu den Gorillaz aber ist bei Yung Kafa und Küçük Efendi unbekannt, wer hinter diesen beiden melancholischen Dandy-Figuren steht.

Man kann mit Yung Kafa und Küçük Efendi gut Generationenpsychologie betreiben. Das betäubende Gefühl, dass alles schon da war (sogar das Gefühl, dass alles schon da war) und als einzige Chance bleibt, das Alte irgendwie neu zu mischen. Das Wissen, dass Hedonismus und Depression zusammengehören wie High und Kater, ein Wissen, das aber bloß dazu führt, im Prada-Hemd zur Therapeutin zu gehen. Den Wunsch, die Last der eigenen Identität loszuwerden und jemand ganz anderes zu werden.

Als Comichelden leben die zwei ihre Jungsträume aus, sie modeln in Paris für Helmut Lang, laufen für Real Madrid als Zidane und Ronaldo (nicht Christiano) auf und checken in Wes Andersons »Grand Budapest Hotel« ein. Ihr Geheimnis bleibt, ob sie Hiphops obersten Motivationsspruch »Fake it till you make it« bloß besonders wörtlich nehmen und die auf den Comickörper gephotoshoppten Burberry-Mäntel wenige Tage später wirklich in ihrer Post liegen, Absender: Burberry, schlaues Influencer-Marketing. Oder ob das virtuelle Luxusleben für zwei Finanzkrisen-, Wirtschaftskrisen-, Corona-Krisen-Kinder das einzig mögliche Luxusleben ist. Oder ob die übertriebene Darstellung von Konsum diesen Lebensstil kritisiert, seine Leere zeigt, die irgendwas mit der Leere in Yung Kafa und Küçük Efendi zu tun haben muss.

Jedenfalls klingen die beiden sogar in ihren euphorischen Momenten zutiefst nostalgisch, auf »Summer of my Life« zum Beispiel so, als würden sie einen Jahre zurückliegenden Sommer besingen, der wärmer gewesen ist als alle Sommer, die danach kamen. Ein Sommer, in dem Zidane noch dirigierte, die Anzüge von Helmut Lang waren und dicke Vorhänge von Grand Hotels alle Probleme außerhalb des Bewusstseins hielten. Die vielen Fans, die in Yung Kafa und Küçük Efendi etwas besonders »Futuristisches« sehen, haben komplett unrecht: Selten haben deutsche Songs so zukunftslos geklungen. Wie deprimierend, dass sich zwei junge Menschen heute die Zukunft nur so vorstellen können, wie Menschen sie sich schon 1980 vorgestellt haben, mit Synthesizern und fliegenden Autos, sonst alles wie bisher. Noch mehr deprimiert aber die Vorstellung, die Fans könnten recht haben und 2136 und 2070 wirklich wie Musik von 2020, die ein bisschen nach 1980 klang, klingen.

Bevor so viel Kulturpessimismus einen völlig fertigmacht, schnell zurück zur Musik. »Diamonds« anmachen, das neuere, animierte Video zum Song. Durch die Dunkelheit des Alls schneiden zwei junge Männer im Maybach-Cabrio ihre Bahn, hinter ihnen verblasst der Schweif ihrer Rücklichter. Schöner Effekt: dass Yung Kafa und Küçük Efendi die ganze Ausweglosigkeit erkannt haben und ihre Musik deshalb tieftraurig klingt, hat etwas Tröstliches.