Das wird man ja wohl noch haben dürfen
ZEIT im Osten, 2025
Die Simson wird nicht nur als Fortbewegungsmittel beliebter – sie ist auch zentral für die Selbstinszenierung der AfD im Osten. Wie kam es dazu? Ein Nachmittag im Erzgebirge mit »Mr. Simson« Mike Moncsek
Hinter dem Einlasszelt, an dem sich eine knatternde Mopedschlange vorbeiwindet und junge Familien ihre Eintrittsmarken lösen, hat ein Ersatzteilhändler seinen Stand aufgebaut. Auf den Tischen liegen Schläuche, Blinker, Metallfedern, dazwischen stehen Kaffeetassen mit dem Aufdruck »FCK GRN«, also »Fuck Grün«. Es gibt auch einen Stapel schwarzer Landser-Shirts mit dem kantigen Kopf eines Soldaten unterm Stahlhelm. Unter dem Verkaufstisch wachen Porträts von Erwin Rommel über »Wolfsschanze«-Plaketten.
Vor der Auslage steht nun, an einem herrlichen Samstagmittag im September, Mike Moncsek, Landtagsabgeordneter der AfD in Sachsen.
»He, Mike!«
Der Verkäufer hat ihn entdeckt und lehnt sich über den Tisch zur Männerbegrüßung, halb Handschlag, halb komplizierte Rückenklopfumarmung. In seinem Sortiment hat der Händler auch Aufkleber von Moncseks Partei, der AfD, mit Slogans wie »Alice für Deutschland«. Neben Stickern in Schwarz-Weiß-Rot, die Reichsflagge – darauf das Eiserne Kreuz oder »Deutschland, Deutschland über alles«.
»Was macht ihr damit hier?«, fragt Moncsek den Verkäufer, während der sich mit der Hand durch seinen Rauschebart fährt. Und erklärt dann, schon mehr dem ZEIT-Reporter, »die Jahre 33 bis 45« passten doch nicht hierher. Auf ein Volksfest und Simson-Treffen wie dieses.
Zu dem werden an diesem Samstag im Örtchen Ursprung im Erzgebirge ungefähr tausend Fahrer und Fans der DDR-Zweiräder der Marke Simson zusammenkommen, ein Event, wie es im Sommer fast jedes Wochenende irgendwo in Ostdeutschland stattfindet. Er sei auf gut einer Handvoll Simson-Treffen gewesen, sagt Moncsek, aber NS-Symbole? »Das ist das erste Mal, dass ich das überhaupt sehe.«
Nur, wenn der Händler und er Bekannte sind, müsse ihm doch mal dessen Artikelauswahl aufgefallen sein, oder? Nein, nie, und er wisse auch gar nicht genau, woher der Mann ihn kenne, sagt Moncsek. Man sei sich wohl das eine oder andere Mal auf einem Flohmarkt für Autoersatzteile begegnet, dort macht Moncsek gern Werbung für die AfD.
»Weiter?«, fragt er dann.
Sicher – es gibt hier, am Fußballplatz in Ursprung, ja noch einiges zu sehen. Nicht bloß mehr vieldeutige bis eindeutige Zeichen, zu denen sich ein AfD-Abgeordneter verhalten muss. Lehrreich ist ein Nachmittag an Mike Moncseks Seite auch deshalb, weil man danach etwas besser zu verstehen glaubt, wieso die AfD in einigen Gegenden alle anderen Parteien nah an die Bedeutungslosigkeit gedrängt hat.
Moncsek hat ein Anliegen, für das er sich schon lange einsetzt: die Simson. Genauer, für Kleinkrafträder namens Schwalbe, S 51, SR 50 und all die Modelle, die vom VEB Simson Suhl in Thüringen aus in Millionenstückzahl in die DDR und ihre Bruderrepubliken rollten. Autos waren teuer, das Volk fuhr Zweirad. Nach dem Mauerfall landeten viele Simsons in Garagen und Scheunen. Sie standen fürs Gestern.
Es sprach sich aber herum, dass Simsons außer ihrer Robustheit neueren 45-km/h-Rollern noch etwas voraushaben: Dank einer Sonderregel im Einigungsvertrag durften die Mopeds weiterhin, wie in der DDR, mit Tempo 60 fahren. In den vergangenen Jahren holten dann immer mehr Jugendliche Opas oder Mutters »Simme« heraus und brachten sie wieder zum Laufen. Im frischen Lack der inzwischen für mehrere Tausend Euro gehandelten Simsons funkelt der neue Ost-Stolz. Diesen Sommer erst veröffentlichte der bekannteste ostdeutsche Rapper Finch die Hymne »Schwalbe«, der die Liebe zu Gefährt und Gefährtin, nun ja, kurzschließt: »Komm, wir zwei machen Liebe auf mei’m Dreiganggetriebe«.
Unter all den Themen, denen sich ein Politiker widmen kann, könnte man ein Retro-Moped, dessen Fahrer oft noch nicht mal wählen dürfen, für das nichtigste halten. Und das hätten auch viele getan, sagt Moncsek, allen voran die »Mercedes-Männer aus dem Westen«, die bis heute die meisten Politikerbüros besetzten. »Am Anfang haben sie mich ausgelacht«, glaubt Moncsek. Auch in seiner eigenen Partei habe man ihn dafür belächelt, dass er in der alten Simson ein Wahlkampfthema und das perfekte Symbol sah. »Jetzt lacht keiner mehr.«
Jetzt hat man vielerorts und in zahlreichen Medien mitbekommen, dass es einen neuen Simson-Hype im Osten gibt und dass dieser maßgeblich von einer Partei aufgenommen wird. Björn Höcke machte Simson-Ausfahrten, hinter sich Hunderte Teenager im bläulichen Abgasdunst. Die Junge Alternative plakatierte: »Simson statt Lastenrad!« Und seitdem die AfD ihre Simson-Fürsorge lautstark verkündet und Journalisten darüber berichten, springen auch andere Politiker buchstäblich auf die Simson auf. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) zeigte sich auf einer Schwalbe. Der Thüringer Ministerpräsident Mario Voigt (auch CDU) fügte kürzlich dem Hohelied auf den Individualverkehr die Zeile hinzu: »Simson ist Freiheit auf zwei Rädern.«
Voigts Brombeerkoalition aus CDU, BSW und SPD möchte nun selbst Politik für die Simson machen, womöglich auch mit ihr. Als erste Landesregierung will sie die 60-km/h-Sonderregel auf Re-Importe ausweiten, auf Simson-Mopeds also, die außerhalb der DDR zugelassen wurden und die infolge des Nachfragebooms wieder nach Deutschland zurückkommen. Bisher dürfen diese nur 45 fahren, was sie viel unbeliebter macht. Die AfD hatte schon vor gut einem Jahr im Bundestag ganz Ähnliches gefordert wie nun die Thüringer Koalition.
Wobei, »die AfD« ist zu ungenau. Es war wesentlich Mike Moncsek, der das Thema auf die Agenda setzte. Parteikollegen nennen ihn »Mr. Simson«. Dank Moncsek hat die AfD vor allen anderen Parteien etwas als Thema erkannt.
»Wir reden immer über große Weltpolitik – Amis, Russen, Chinesen –, aber die Simson ist das, was die Leute und unsere Jugend interessiert«, sagt Moncsek, während er durch ein Spalier aufgereihter Mopeds in Ursprung geht. Zumindest hier kann man ihm nur recht geben. Auf dem Rundgang über den Sportplatz, wo sich die Gerüche von Benzin und Bratwurst zum Duft der Freiheit mischen, kommt der selbst ernannte »Volkspolitiker« selten weiter als ein paar Meter. Ständig will ihm jemand die Hand schütteln, ihn »Guter Mann« nennen oder ein Selfie mit ihm machen.
Viele Fans des 61-jährigen Moncsek könnten fast seine Enkel sein, flaumbärtige Jungen und »die Mädels«, wie er sie nennt. Moncsek zieht eine AfD-blaue Nagelfeile aus der Hosentasche und überreicht sie dem Mädchen, das gerade mit ihm posiert hat. »Na, da schauen die Jungs neidisch.« Aber auch für die hat er etwas in seinem scheinbar unerschöpflichen Hosentaschenvorrat, kleine, tatsächlich universal passende Zündschlüssel mit AfD-Logo für die Simson nämlich, kann man bei ihm eintauschen, wie früher in der DDR. Einer von Moncseks zwei Mitarbeitern – beide tragen gestreiftes Hemd, strengen Scheitel und sind selbst fast noch jugendlich – filmt die Übergabe eines verbogenen Originalzündschlüssels gegen einen neuen, babyblauen. Der zweite Mitarbeiter läuft derweil zu Moncseks Transporter mit der Aufschrift »Deine Stimme für die Simme«, um mehr Werbe-Goodies zu holen.
»Die Jugend von heute ist die Wählerschaft von morgen«, sagt Moncsek. Fragt man die Teenager neben ihren Simsons, woher sie Moncsek kennen – von TikTok, Instagram? –, können viele die Frage nicht beantworten. »Einfach von überall«, sagt ein hochgeschossener Junge mit Brille. »Von der AfD so. Und weil er für die Simson ist.«
Ab 2023 tauchten öfter Simsons auf Moncseks Social-Media-Fotos auf, anfangs eher beiläufig. Moncsek ist Fan von fast allem, was mit Sprit auf der Straße fährt – fragt man ihn, wie viele Autos er hat, kann er das nicht genau beantworten, weil irgendwo in seiner Scheune sicher noch ein paar Karosserien im Zustand zwischen »Altmetall« und »potenziell straßentauglich« herumliegen. Er war früh gegen das Verbrenner-Aus und warb auf Oldtimer-Treffen und Motocrossrennen, manchmal kamen dahin auch Simsons.
Dass die ein Thema waren, sah Moncsek an seinem »Sohnemann«, der sich an seinen Mopeds die Hände schwarz schraubte, genau wie dessen Freunde; mit denen hat der Sohn inzwischen zehn Simsons zusammengebaut. Moncsek kalkulierte, wie viele Leute er so erreichen könnte. Mindestens 600.000 Simsons gibt es noch in Deutschland, schätzt er. Viele potenzielle Unterstützer, und dann sind die meisten Fahrer auch noch jung und werden viele Jahrzehnte lang Wähler sein.
Natürlich versuchen auch Politiker anderer Parteien, über Alltagsthemen »an die Leute ranzukommen«. Auch andere Politiker haben Schrauber-Söhne oder fahren selbst Simson. Aber Moncsek erkannte darin die Symbolkraft und setzte hartnäckig auf sein Thema. Er überzeugte Parteifreunde davon. Er ging zu Simson-Treffen und veranstaltete im Mai sein eigenes Simson-Event auf dem Sachsenring. Als die Thüringer Regierung ihre Simson-Pläne verkündete, bog er endgültig auf seine Ehrenrunde ein. Nun werde der ganze Osten folgen, da ist Moncsek siegessicher. In Sachsen diskutiert diese Woche der Landtag einen AfD-Antrag zur »Gleichbehandlung« aller Simsons, die darüber hinaus zum »Kulturerbe« erklärt werden sollen.
Moncsek sagt, »wer sich im Osten gegen die Simson stellt, ob von der CDU oder der SPD oder wem auch immer, der kann sich gleich selbst erledigen«. Strategisch möchte er seinen Einsatz für die Simson natürlich trotzdem nicht nennen. Man löse ein echtes Problem, wenn man die hohen Preise für Mopeds runterbringe und Klarheit bei der Zulassung der »Ungarn-Mopeds« schaffe, weil viele Jugendliche auf sie angewiesen seien, hier auf dem Land, wo der Bus kaum ... und so weiter.
In Ursprung – zwischen Zweirädern, von denen Moncsek außer ihrem Modellnamen meist auch irgendeine Besonderheit wie ihren Blinkertyp kennt – erzählt er, wie er selbst zu seiner ersten Simson kam. Sein Vater verkaufte die Suhler Maschinen, eine eigene SR1 kriegte Mike Moncsek mit sieben. Er fuhr K-Wagen, also Kart, in der Jugendnationalmannschaft, lernte Kfz-Schlosser und vertrieb später Autos für Opel, Peugeot und Fiat. Zweimal sei er Deutschlands Autoverkäufer des Jahres gewesen, sagt Moncsek, und auch ohne Beleg glaubt man es ihm sofort, wie er da, in der ehemaligen Bergbauregion, auf stolzem Sächsisch großflächig mit »Glück auf« grüßt. Noch für den jüngsten Besucher hat er einen Spruch, der, wenn nicht ihn, dann seine Eltern zum Lachen bringt: »Das ist ja meine Rente«, sagt er, über einen Kinderwagen gebeugt.
Ein Teenager möchte Moncsek seine Simson zeigen, eine schwarze, zu einer Art Motocross getunte Maschine mit giftgrünen Griffen. Vorn, wo der Scheinwerfer sein müsste, ist ein rundes Blech und darin ein Eisernes Kreuz gestanzt. Als erahnte er die Reporterfrage, fragt Moncsek den Jungen, wieso er dort dieses Zeichen habe. »Weil ich stolz auf mein Land bin.« Wie auf die Bundeswehr, die solche Kreuze auch verwendet. Und das hätten andere Symbole nicht ausdrücken können, etwa eine Deutschlandfahne? Farben könne man nun mal schwer in Blech stanzen, entgegnet der Teenager. Dann postieren sich Politiker und Jungwähler auf je einer Seite des Mopeds, dokumentiert von Moncseks Mitarbeitern für Social Media.
Zuletzt kam es auf Simson-Treffen immer wieder zu rechtsextremen Vorfällen. Der MDR berichtete 2024 vom größten derartigen Event in Zwickau mit Tausenden Besuchern und von brennenden Einkaufswagen, Angriffen auf Feuerwehrleute und jeder Menge Hitlergrüßen. Dieses Jahr mussten 500 Polizisten das Treffen in Zwickau sichern. Das Fest in Ursprung ist dagegen familiärer – Hüpfburg statt Hitlergruß – und wohl auch repräsentativer für die vielen kleineren Simson-Treffen.
Aber auch hier gibt es den Stand, an dem Hunderte Besucher vorbeikommen, ohne sich offenbar an dem ausgelegten NS-Gut zu stören. Eine ungefähr Dreizehnjährige trägt einen Hoodie, auf den »NSU« gedruckt ist – die Motorradmarke zwar, aber dennoch. In einen Mopedsattel ist die schwarze Sonne der SS eingestickt. Eiserne Kreuze und Lorbeerkränze sind in verschiedenen Ausführungen zu sehen, auch Deutschland-Armbinden und DDR-Fahnen, Aufschriften wie »Zweitaktkrieger Sachsen« und anderes Abkulten auf den Osten sowieso, meist in Frakturschrift.
Wo verläuft nun für Mike Moncsek die Grenze zwischen legitimer Landesliebe und Neonazitum? Irgendwo zwischen Eisernem Kreuz und Hakenkreuz?
Moncsek schließt ziemlich oft vom Einzelnen auf einen größeren Zusammenhang – ein Verkäufer von Simson-Teilen, der erzählt, seinen Handel aufgeben zu müssen, wird zum Beleg für den Bürokratiewahnsinn. Die Kränze und Kreuze aber sind für Mike Moncsek kein Anzeichen dafür, dass die Simson-Szene umfassender angebräunt sein könnte. Bei jedem Fußballspiel gebe es mindestens so viele fragwürdige Gestalten, sagt er. Hier in Ursprung sei das auch höchstens ein Prozent der Leute. Eigentlich seien die Veranstalter der Simson-Treffen in der Pflicht, Träger oder Verkäufer von NS-Insignien anzusprechen. Später wird Mike Moncsek schreiben, dass er mit dem Händler der Rommel-Bildchen noch »das persönliche Gespräch« gesucht habe. »Nächstes Mal machen wir das gleich und zusammen!«
Als am Nachmittag Hunderte Simsons zu einer gemeinsamen Tour vom Sportplatz abfahren, ein minutenlanges Knattern, steht Mike Moncsek am Straßenrand und filmt sich, die Fahrer und sich mit den Fahrern. »So soll es sein: Du hast deine Simson und hinten dein Mädel druff oder den Sohnemann – das vergisst das Kind doch nie!«, schwärmt er. Ein Teenager mit dem Porträt eines Wehrmachtssoldaten und dem Satz »Wir hatten die besten Soldaten der Welt« auf dem Rücken rollt vorbei. »Mit dem muss man auch noch mal dringend reden«, ruft Moncsek ins Gedröhn, bevor er wieder High Fives an Vorbeifahrende verteilt.
Eigentlich hatte man sich in Ursprung im Erzgebirge, wohl wissend, was passieren könnte, »ein politikfreies Treffen« gewünscht, sagt Matthias Lorenz, der Vorsitzende der dortigen Simson-Freunde. Man trifft Lorenz beim Abbau, als er und einige Helfer in Signalwesten gerade das Einlasszelt an den Beinen ein Stück hochhalten, damit ein Kleinbus darunter durchpasst – es ist der Transporter des Händlers mit den Nazi-Souvenirs.
Ob er, Lorenz, denn gesehen habe, was an dessen Stand zu kaufen gewesen sei? Oder dass Besucher ein ausgestelltes Moped mit SS-Sonne bewunderten?
Ein Seufzen – »das ist wohl so«. Man könne da vom Hausrecht Gebrauch machen, stellt Lorenz fest, als wäre nicht er derjenige, der dieses Recht ausüben müsste. Warum er es nicht getan habe? Seine Antwort ist ein Schulterzucken.