Ein bissel mehr gab’s bei ihr immer
DIE ZEIT, 2025
Münchens Mächtige fraßen ihr aus der Hand – was genau, möchte man doch gern wissen. Herta Lueger, einst Herrin über Schwabylon, hat mit ihrer Tochter Patricia eine Biografie über ihre vielen Leben als Domina und Hausfrau, Bordellbetreiberin und Mutter geschrieben
Pflichtschuldige Skepsis anfangs: Ob man sich, als Nachgeborener, das München-Schwabing von einst wirklich so frei, so glamourös vorstellen müsse, wie in Herta Luegers Biografie beschrieben? Als eine von der Alpensonne mit ewigem Abendlicht angeleuchtete Bühne, auf der sich koksende Gastronomen cholerischen Filmgiganten andienerten. Wo schlagfertige Schönheiten in der Heimat der Stenze und der Schickeria Herzen und notfalls auch Nasen brachen. Kurzum, ob dieses Schwabing der späten Sechziger- bis Achtzigerjahre wirklich »ein Splitter vom Paradies« gewesen sei? So nannte es der Regisseur Klaus Lemke einmal, selbsternannter König von Schwabing, Zeitzeuge und Miterzeuger des Mythos Schwabylon.
Doch, versichert Herta Lueger, so dürfe man sich das Ganze vorstellen. »Ich wollte nicht mal in den Urlaub fahren, weil es hier so toll war.« Und, als müsse sie sich selbst vergewissern, dass es so gewesen ist und sie nicht bloß dabei war, sondern mittendrin: »Das war was, hier. Die Realität war’s nicht.«
Herta Lueger und ich haben uns an der Münchner Freiheit verabredet, ausgerechnet. Von hier aus wollen wir ein paar Orte abgehen, die in ihrem Leben wichtig waren und die es auch in ihrer Biografie sind, die sie mit ihrer Tochter Patricia geschrieben hat. »Bardame gesucht – Zimmer vorhanden« heißt das Buch, und der lakonische Titel deutet schon an, dass darin nicht die gewöhnlichste Lebensgeschichte erzählt wird. Herta Lueger, bald achtzig Jahre alt, war so etwas wie die Herrin über Schwabing. Ihr gehörten hier Boutiquen, Friseursalons und ein Sonnenstudio. Vor allem war sie aber die Herrin feinerer Herren, und all die Läden waren nur Ausgründungen ihres eigentlichen Geschäfts – als Domina oder, wie es im Text heißt, »begehrte Fachkraft«.
Selbst als Nachgeborener kennt man noch einige ihrer Promikunden, die sich von ihr verhauen oder zur Kuh machen ließen. Nennen möge man die Sänger und Dynastiensöhne nicht, bittet Lueger: »Geschäftsgeheimnis.« Die Anekdote mit der Kuh ist aber verbürgt – einem Stammkunden war das ganze Fesseln und Peitschen auf Dauer fad geworden. Zudem war gerade Wiesn. Also wurde der Nackerte mit Kuhglocken und Brezn behängt. »So musste er im Zimmer herumkriechen und muhen, während die Glocken bimmelten.«
Es gibt viel solchen Slapstick im Buch. Ein anderes Mal findet Lueger nach einem Hausbesuch bei einem Bauern ihr Auto nicht, stolpert auf ihren Stiefeln unter dem stockdunklen Landhimmel in einen Acker und kippt in einen Mähdrescher – »in Traunstein!«. An diesen Stellen liest sich »Bardame gesucht« wie eine heitere Schlitzohrengeschichte einer Frau inmitten bayerischer Dickeierigkeit. Doch Herta Lueger lebte eben nicht in einer schimmernden Helmut-Dietl-Serie, oder nur kurz. Aufgewachsen ist sie im Burgenland im dörflichen Nachkriegsösterreich, wo Enge und Gewalt herrschten und vorherbestimmten, dass Lebenswege an der Grenze zum Nachbardorf zu enden hatten. Herta heiratete jung, einen Säufer, ihr erstes Kind starb. Für sie war das Leben vorbei, glaubte sie. »Damals war ich achtzehn Jahre alt.«
Sie holte sich aber raus, aus der Trauer, dem Eheknast, dem vorgeschriebenen Dorfleben, und landete 1972 in: München. Gut fünfzig Jahre später erzählt Herta Lueger, wie sie in der Stadt ankam, ungläubig, dass es das alles, diese weite Welt, geben konnte. Großäugig stand sie bald hinterm Tresen einer Bar und sah von dort schicken Damen und ihren wechselnden Begleitern zu, bis ihr eine Kollegin steckte, dass die Frauen keine normalen Gäste seien. Eine von ihnen verschaffte Lueger dann ihren ersten Assistenzjob als Domina. Erst zaghaft, wurde sie von Mal zu Mal virtuoser. Bald eröffnete sie ihr eigenes Dominastudio, an der Leopoldstraße 42, in einem Apartmenthaus, in dem auch mehrere »Mädchen« auf Luegers Vermittlung hin arbeiteten und vor dem wir jetzt stehen.
Sie schaut an der altweißen Fassade hoch: unten ein Sushi-Restaurant, ganz oben, im Dachgeschoss, hat sie ab Mitte der Siebzigerjahre gewohnt. War »recht praktisch«: Wenn sie zum Kochen hochgehen musste, hängte sie einen Zettel ans Studio, dass die Kunden bei der Familienwohnung läuten sollten. Dort über den Dächern lebte Herta Lueger mit ihrem Mann Rainer, fast schon im Himmel. Sie genoss ihre Macht über die Mächtigen, auch das Geld. Und ihr Rainer soll tatsächlich Vorlage einer Dietl-Figur gewesen sein; er war Fotomodell, Leibwächter eines von Thurn und Taxis und best boy beim Film – »wenn der Lemke gesagt hat, er braucht für eine Szene einen Chinesen, dann stand Rainer eine Stunde später mit einem da«, beschreibt Lueger ihren Mann, »den schönen Schwabinger«.
1974 kam ihre Tochter dazu. Hier, auf dieser Parkbank vor der Nummer 42, wo sich Herta Lueger zum Erzählen hingesetzt hat, habe Patricia als Mädchen selbst gemalte Bilder verkauft, mit einem Pflaster auf dem Auge, gegen ihr Schielen. »Die verdient mehr als du«, hätten Bekannte sie geneckt, sagt Lueger. »Patricia war das Kind von ganz Schwabing. Sie ist so behütet aufgewachsen.« Als werde ihr dabei bewusst, dass bei einer Mutter, die im Erotikmilieu arbeitete, und einem Vater, der aus Filmsets rüber in Nachtcafés stolzierte, von einer behüteten Kindheit der Tochter nicht selbstverständlich auszugehen ist, schickt sie hinterher: »Wenn Patricia ausgegangen ist, haben mich Zuhälter angerufen und mir gesagt: Du, deine Tochter tanzt grad erotisch im P1.«
Über einen Videocall wird die Tochter nun aus Los Angeles dazugeschaltet und muss bei der Geschichte erst mal lachen. »Ich konnte nie verloren gehen. Jeder wusste, wohin ich gehöre«, erzählt Patricia Lueger. Auf ihren Kindergeburtstagen trafen sich Hertas schummrige Halbwelt und Rainers glitzernde Filmbranche. Ob ihr schon damals, als Jugendliche, bewusst gewesen sei, an welch pulsierendem Popkulturort sie aufwachse? Oh ja. »Schwabing war für mich das Zentrum der Welt.« Als sie, gerade volljährig, nach L. A. reiste, um sich dort Schauspielschulen anzusehen, wollte sie nur heim. »In Hollywood war es langweiliger als hier.«
Dass sie die Legende von Schwabing weitererzählt und aus den Erinnerungen ihrer Mutter ein Buch gemacht hat, ergab sich dennoch eher, als dass sie es geplant hätten. Wiederholt hatten Autorinnen gefragt, ob sie sich Herta Luegers Leben als Vorlage nehmen dürften, berichtet die. Womöglich starrten sie aber etwas zu fasziniert ins grelle Blau- und Rotlicht, jedenfalls habe sie sich in deren Versuchen nie wiedererkannt, sagt Lueger. Erst ihre Tochter traf den unsentimentalen Berichtston und damit ihre Stimme, mit der Herta Lueger auch im Gespräch Pointen verteilt und heftige Erlebnisse mal eben so erwähnt.
Von denen gab es viele; in »Bardame gesucht« wird gestorben, dass man die Toten kaum zählen kann. Da ereignen sich Morde und Selbstmorde, Aids erfasst Schwabing. »Ich kann das selbst nicht fassen«, sagt Herta Lueger. »Und es ist nicht mal alles drin, weil die Lektorin meinte, das packt man nicht.« Sie deutet über die Leopoldstraße auf die andere Straßenseite – »da hat die Aline gewohnt«. Eine der Frauen, die für Lueger arbeiteten, und die Erste, die im Buch umkommt, ermordet von einem Freier. Ermittelt wird danach auch gegen Lueger, wegen Zuhälterei, sie bekommt 15 Monate auf Bewährung. Boulevardreporter folgen ihr; sie sorgt sich, dass Patricias Mitschüler von ihrem Doppelleben erfahren. In der Zeit habe ihre Tochter zur ihr gesagt: »Ich hätte dich lieber an der Supermarktkasse.« Patricia Lueger sagt auf dem Handyscreen: »Natürlich habe ich, gerade als Teenager, meiner Mutter ihren Job auch verübelt.«
Ohne die Tochter biegen wir ab in die Franz-Josef-Straße, für Herta Lueger die schönste Straße in Schwabing, und trotzdem: »Lang konnte ich nicht durchgehen. Hier ist in jedem Haus einer gestorben.« 30 Jahre ist sie nicht mehr hier gewesen, so lange lebt sie schon in Haidhausen. Dahin zog sie nach der Verurteilung und ihrem Ausstieg aus dem Milieu, dort habe sie ihren Seelenfrieden gefunden. Wie gefällt ihr das heutige sattblonde Schwabing, in dem Momfluencer ihre SUV-Kinderwagen an Wein- und Bioläden vorbei durch den trägen Oktobernachmittag schieben, als läge noch der Wiesn-Kater über allem? Fremd fühle sie sich, sagt Lueger. Aber sie sei begeistert, wie schön es ist. Zum hundertsten Mal über Münchens Spießigkeit zu klagen, wäre auch arg spießig.
Sie sieht durchs Fenster in einen Edelfriseursalon, drinnen werden gerade einer Kundin die Haarspitzen geschnitten. Das war noch bis 2023 ihr Laden, fast 40 Jahre lang hat sie ihn mit ihrem Sohn Klaus aus erster Ehe geführt, nach ihrem Karriereende als »Lady Carina«. Senta Berger ließ sich hier ihr Rot machen. Für Fotoshootings stylte Herta Lueger Hildegard Knef und Steffi Graf. Im Umgang mit den Kundinnen habe sie durchaus von ihrer Berufserfahrung profitiert: »Ich habe diesen Domina-Ton, das ist so herrlich.« Als Friseurin werde man sonst ja niedriger angesehen als eine Domina.
Übrigens, warum gehen zu der fast nur Männer? »Die Frauen haben nicht die Veranlagung zur Unterwürfigkeit. Und wenn, dann leben sie die zu Hause aus.« Leider, denn wer ein paar Stunden am Tag mit der Rute in der Hand bestimmt, wo’s langgeht, strahle auch im Alltag eine ganz andere Selbstsicherheit aus. »Ich habe mich nicht benützt gefühlt«, sagt Lueger. »Meine Sklaven haben mich mehr aufgewertet als meine Partner.«
Eine Frage noch zur Figur der Domina, die Lust durch Verbote bereitet: Darf man sich das damalige Regime von CSU und katholischer Kirche, aus Sperrbezirken und Sexualmoral, auf ähnliche Weise lustfördernd fürs Schwabing dieser Jahre vorstellen? Ja, da könne etwas dran sein, meint Lueger.
Wir spazieren weiter durch dieses Freiluftmuseum ihrer Erinnerungen. Lueger sagt noch ein paar sehr gute Sätze (»Schickeria? Da hab ich gar keine Zeit gehabt für so was«). Sie erzählt von Altmünchnern wie Wolf Wondratschek, der, als er die schmale Herta kennenlernte, gesagt haben soll: »Nach dem, was ich über Sie alles gehört hab, müssten Sie mindestens 1,80 sein.« Immer wieder bleibt sie stehen – »schau, das war mein Laden« (siezen zwecklos) – und zeigt dann auf eine Hofpfisterei: war mal ihr Modegeschäft. In einem anderen Haus hat sie später mit Rainer und Patricia gewohnt, für 5.000 Mark Miete, ein paar Szenen aus »Derrick« und »Der Alte« seien darin gedreht worden.
Manchmal träume sie von den Orten, sagt Herta Lueger, von einem Laden oder dem Sexclub, den sie auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs führte; davon, wie sie vor ihrem eigenen Club steht, klingelt, und niemand lässt sie rein. Sie will mitmischen, aber darf nicht mehr.